Wir sind umgezogen! Hier gehts zur neuen Homepage des LTT

FotoFotoFotoFotoFotoFotoFoto

Premiere
24. Juni 2011

Ödön von Horvath

DER JÜNGSTE TAG


Thomas Hudetz ist Bahnhofsvorsteher in einem kleinen Ort, in dem er als „ein gebildeter, höflicher, emsiger Charakter, ein selten strammer Mensch“ geschätzt wird. Vor Jahren hat er, ohne wirklich darüber nachzudenken, eine wesentlich ältere Frau geheiratet, die er aber nicht liebt und die ihn nun mit ihrer ständigen Eifersucht quält. Eines Tages verwickelt ihn die Wirtshaustochter Anna bei der Arbeit in einen Flirt und Hudetz versäumt es darüber, rechtzeitig ein Signal zu stellen. Fazit: ein Zugunglück mit 18 Toten. Vor Gericht beteuert Anna Hudetzs Unschuld und leistet sogar einen Meineid. Und obwohl es eine Zeugin besser weiß – Frau Hudetz hat den Kuss und seine schwerwiegenden Folgen beobachtet –, kommt es zum Freispruch. Im Gegensatz zu Hudetz, der sich durch das offizielle Urteil und durch den öffentlichen Zuspruch nach seiner Entlassung aus der Untersuchungshaft „glänzend rehabilitiert“ fühlt, verstrickt sich Anna emotional in ihre Gewissensnöte und am Ende, dem symbolischen „Jüngsten Tag“, werden beide, Anna und auch Hudetz, von den Ereignissen eingeholt ...
Der österreichische Autor Ödön von Horváth, 1901 geboren und mit 37 Jahren durch einen tragischen Unfall in Paris ums Leben gekommen, kann als Spezialist gelten für Figuren, die dazu neigen, Realitäten und eigene sowie anderer Gefühle zu verdrängen und sich damit automatisch in eine Katastrophe zu manövrieren. Mit präzisem Auge beobachtet er in seinen „Volksstücken“ die Ignoranz und die emotionale Kargheit in kleinbürgerlichen Verhältnissen. Gleichzeitig verleiht er den inneren Nöten der an den Verhältnissen krankenden Menschen durch eine das Ungesagte hörbar machende Sprache und eine an entscheidenden Stellen einsetzende „Stille“ hohe szenische Präsenz. In seinen letzten Werken wie „Jugend ohne Gott“ oder eben DER JÜNGSTE TAG setzt er die gesellschaftlichen Kategorien menschlichen Handelns mit religiösen Fragestellungen in Verbindung: Wie geht der Mensch mit einer Tat um, deren Folgen er nicht mehr rückgängig machen kann? Was ist eigentlich Schuld und was bedeutet Eigenverantwortung?


© Landestheater Tübingen