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Premiere
18. Februar 2010

Mei Mutter mag mi net

"Volkslieder (zer)singen"

Hinter dem Eisernen Vorhang auf der Bühne des Großen Saals


Übersicht

9. April 2010
Reutlinger Generalanzeiger

20. Februar 2010
Schwäbisches Tagblatt


Alte Reime im Sturm experimenteller Klänge
Konzert - Einen Liederabend der ganz eigenen Art präsentiert das Landestheater mit »Mei Mutter mag mi net«

TÜBINGEN. Leise summend vergewissert sich Silvia Pfändner erst einmal ihrer Stimme, um dann in ein vokales Getöse auszubrechen, in dem sich Brust- und Kopfstimme überschlagen, wobei sich alpenländisches Jodeln und gutturale Hirtenrufe östlicher Steppen zu überlagern scheinen und im Rhythmus von Thomas Maos' Elektrogitarre in schnellem Herzschlag davontreiben. Ein wahrhaft heftiges Intro für einen Volksliederabend!
Silvia Pfändner und Thomas Maos »zersingen« in ihrem selbst entwickelten Programm »Mei Mutter mag mi net« Volkslieder. Das Publikum versammelt sich dazu auf der Bühne des großen LTT-Saales. FOTO: PFEIFFER
Silvia Pfändner und Thomas Maos »zersingen« in ihrem selbst entwickelten Programm »Mei Mutter mag mi net« Volkslieder. Das Publikum versammelt sich dazu auf der Bühne des großen LTT-Saales. FOTO: PFEIFFER
Doch auch wenn es anschließend um Worte und Sinn geht, wird alles »Tümliche« von unerhörten Klängen und modernen Rhythmen hinweggefegt - und legt ungeschönt den Inhalt der Lieder frei, der sich bislang in den vertrauten Melodien eingehüllt hatte.

»Mei Mutter mag mi net«, das Lied, das dem LTT-Programm den Titel gegeben hat, entblättert sich unter einer hart rockenden Gitarre und in Wort-Wiederholungen als deprimierende Klage über die Verlorenheit eines jungen Mädchens - »... und kein Schatz hab i net, ei, warum stirb i net? Was tu i do?«. Das geschieht in drei musikalisch völlig unterschiedlichen Akten, die mit Friedrich Silchers Melodie nichts gemein haben.

Silvia Pfändner singt, spricht und schreit den verzweifelten Text hier in ihrer fränkischen Heimatmundart. Die Zuschauer, die sich für diese Produktion auf der Bühne des Landestheaters hinter dem »eisernen Vorhang« auf Sofas, Sesseln und harten Gartenstühlen versammelt haben, trinken fränkisches Bier oder Apfelsaft. Rote Begonien und eine Holzbeuge, Dirndl, Strickjanker und Bergstiefel - äußerlich wird das Heimatliche zitiert und zugleich cooles Jazzkonzertfeeling verbreitet.

Elektronisch verzerrte Stimme
Ein Holzscheit gelangt beim abschließenden Abendlied »Oh du stille Zeit« zum Einsatz, um einem von der Decke baumelnden Eisenrohr einen Glockenschlag zu entlocken. Ansonsten kommt alles elektronisch daher, wofür Maos zwei Schaltpulte aufgebaut hat, mit deren Hilfe er seine Zupfinstrumente sirren, bellen und jaulen lässt. Auch Silvia Pfändners Stimme wird elektronisch verfremdet, erhält Hall und Verzerrung und atmet wie eine Ziehharmonika.

Volkslieder »zersingen« nennen die LTT-Schauspielerin und der Experimentalmusiker ihre Darbietung. Ihre neue Liedmusik entsteht durch Improvisation. Historische Dimensionen werden dabei keineswegs geleugnet. So greifen im düsteren »Es ist ein Schnitter, heißt der Tod« aus dem Dreißigjährigen Krieg Gesangsartikulation und Instrumentenklang auf altdeutsche Merkmale zurück.

Witz gibt es auch: »Ich bin ein jung frisch Weibchen« lädt sich zunächst mit dem über den Körper wandernden Mikro erotisch auf und zetert dann über den müden Schneck ihres alten Mannes. Maos lässt dazu eine Perlenkette über ein Stativ rasseln und produziert mit zwei Schlägelchen spöttische Guggenmusik.

Monique Cantré, Reutlinger Generalanzeiger, 9. April 2010


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