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Deutschsprachige Erstaufführung
11. Juni 2010

Sergej Medwedjew

Irina - Eine Friseuse // Die Kröte

Ein Double-Feature mit Medwedjews neuesten Stücken


Übersicht

24. Juni 2010
Schwäbisches Tagblatt

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Zwei kurz, drei ganz ab, einmal Kröte
„Irina – eine Friseuse / Die Kröte“von Sergej Medwedjew wurde von Elina Finkel fürs Tübinger Landestheater inszeniert

Tübingen. Vor einiger Zeit inszenierte der ukrainische Regisseur Sergej Pronin am LTT Aleksandr Vampilows „Am Stadtrand“. Eine an deutschen Theatern ungewöhnliche Ästhetik, herzerwärmend, naiv und doch gerissen. Die einen genossen es ungebrochen, die anderen erfreuten sich an der Trash-Seite. Und siehe: Die Inszenierung hatte rasch Kult-Status. Für zeitgenössische osteuropäische Autoren hatte man am LTT allerdings schon vorher ein Händchen, und zwar das von Ralf Siebelt. Boijtschews „Titanic-Orchester“, Zelenkas „Schrottengel“ oder die Stücke von Jewgeni Grischkowetz, die aussahen, als hätte Vladimir Kaminer begonnen, Theaterstücke zu schreiben. Witzig, schräg, kindlich, melancholisch, lebensbejahend.
Nun suchte man wohl mit der Inszenierung zweier Stücke Sergej Medwedjews einen beziehungsweise zwei Nachfolger in diesem Genre. Ein russischer Autor. Ein Stück, das irgendwie schon in diese Schiene passt. Eine in der Ukraine geborene Regisseurin, die einen Mix aus Naturalismus und Liebe zum Klischee auf die Bühne stellt.

Hui alles bleibt, wie es ist!

Vor der Pause: Ein provinzieller Friseursalon, der Dorfstimmung, siebziger-Jahre-Ästhetik und Proletenluft verströmt, deren Muffigkeit der westeuropäisch-urbane Theatergänger des Jahres 2010 anregend, lustig und gleichermaßen sentimental empfinden soll. Darin äußerst stimmig aufgemachte Friseurinnen, die hier sicher noch Friseusen und auf gar keinen neu-alt-deutsch-modischen Fall Frisörinnen heißen. Eine Drehbühne, die sie für dieses Stück eigentlich gar nicht brauchen, aber desto schwungvoller vorführen, angeschoben von allen Schauspielern, auch wenn sie grad gar nicht mit von der Partie sind. Alles dreht sich! Hui! Und danach: Hat sich nicht so viel getan. Wie im echten Leben halt.(...) Da lässt sich schon mal ein Schauspieler beim Abgang Feuer vom Souffleur geben oder der eine Feuerwehrmann begutachtet, bereits im Off, den Haarschnitt des anderen.

Helfersyndrom und Libido

Beide rücken nämlich zu einem Fehlalarm ins Friseurgeschäft aus, bekommen als Entschädigung dafür das Angebot eines kostenlosen Haarschnitts. Feuerwehrmann Viktor (Karlheinz Schmitt) nimmt es tatsächlich an und – schwupp, natürlich, er verliebt sich! Irina (Nadja Migdal) ist aber schon vergeben, (und Tatjana – mit eingebauter Speckrolle: Silvia Pfändner – will er nicht), hat sich ihrerseits in einen Mann verliebt, der im Knast sitzt. So was gibt es ja, schwere Verknuddelung aus Helfersyndrom und Libido. Und hier auch noch der fixen Hoffnung des sozialen Aufstiegs: Jewgenij verspricht ihr ein Leben in: Moskau! Sind aber nicht die drei Schwestern Tschechows, sondern die beiden Friseusen Medwedjews.
Dass Irina den Angebeteten noch nicht mal gesehen hat, alles auf Briefkontakt basiert, macht die Geschichte abenteuerlich-märchenhaft. Man kann dieses Stück tatsächlich als Märchen oder lustigen Alp sehen. Oder als Satire(...)

Nach der Pause: Sind wir in ein Stück von Ionesco oder Gombrowicz geraten? Ein trostloses Wohnzimmer einer Plattenbausiedlung. Die Fenster im Wohnzimmer lassen sich schon seit Jahren nicht mehr öffnen, schwer symbolträchtig: Stillstand und Abschottung. Mann Pawel (Karlheinz Schmitt) schläft und träumt von Fußball, den er praktischerweise als Bierbauch unter dem Hemd trägt. Neben ihm seine fettleibig gewordene Frau (Nadia Migdal), die sich unversehens in einen – nein, keinen Käfer: eine Kröte verwandelt. Nur ein Traum?

Es kwoakt im Boulevard

Die zwei Sanitäter (Udo Rau, Martin Schulz-Coulon), die gerufen werden, sind keine Helfer, sondern schmierige Halunken. Vera, die Freundin Pawels kommt, weshalb Pawel seine Frau schnell unter einem Karton verschwinden lässt, ein Polizist kommt, weshalb Vera schnell auf dem Balkon versteckt wird: Boulevard-Versatzstücke auch hier. Inmitten immer die Kröte. Die was sagt? „Kwaak!“ Manchmal auch „Kwoaak Kwak Kwak“. Oder: „Kuaaaaak.“Sie tut einem leid. Ihr Kostüm ist mindestens so toll wie das Kostüm der Trolle jüngst bei der Peer Gynt-Premiere.(...)

Peter Ertle, Schwäbisches Tagblatt, 14. Juni 2010


© Landestheater Tübingen