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Deutschsprachige Erstaufführung
11. Juni 2010

Sergej Medwedjew

Irina - Eine Friseuse // Die Kröte

Ein Double-Feature mit Medwedjews neuesten Stücken


Übersicht

24. Juni 2010
Schwäbisches Tagblatt

14. Juni 2010
Reutlinger Generalanzeiger

14. Juni 2010
Reutlinger Nachrichten

14. Juni 2010
Schwäbisches Tagblatt

14. Juni 2010
Schwarzwälder Bote

12. Juni 2010
Nachtkritik.de


Mit Hammer, Messer und Benzin
Tübingen, 11. Juni 2010. Es gibt genug Männer, die ihr aus der Hand fressen. Aber nein, Irina muss unbedingt Jewgenij, einen Mörder, lieben, der im Knast sitzt, weil er seine Frau zu Tode geprügelt hat. "Er ist unschuldig", sagt Irina und lächelt dazu wonnig. Das Publikum erfährt alsbald exklusiv, was Irina nicht weiß: Kaum draußen, will Jewgenij Irina lediglich um 60.000 Dollar berauben und danach zügig erschlagen. Pass bloß auf, möchte man ihr als Zuschauer zurufen – wie einst im Kasperltheater, wenn das böse Krokodil naht.

"Irina - Eine Friseuse" heißt dieses Drama von Sergej Medwedew, das 2008 beim Stückemarkt des Berliner Theatertreffens den Preis "Theatertext als Hörspiel" gewann und als solches 2009 für den ARD Online Award nominiert wurde. Das Landestheater Tübingen, das ein Faible für russische Gegenwartsdramatik pflegt, präsentiert nun zwei Medwedjew-Stücke an einem Abend: die deutschsprachigen Erstaufführungen von "Irina - Eine Friseuse" und "Die Kröte".

Eisberge der Liebe
Gleich vorweg: Medwedews Humor ist liebevoll – und gleichzeitig bitterböse, pechschwarz. Seine Geschichten sind so absurd wie die von Daniil Charms, so chaotisch wie die von Jewgeni Grischkowez. Sergej Medwedew (Jahrgang 1960), studierter Radiophysiker aus der Millionenstadt Rostow am Don, war zunächst als Ingenieur beim Militär tätig und textete für Rockgruppen wie "12 Volt" und "Net". Seit 1995 ist er Journalist, zur Zeit Chefredakteur der Zeitschrift "Kto glavnij". 2006 begann er, auch Theaterstücke zu schreiben.

In Tübingen führt die Übersetzerin Elina Finkel Regie: Sie verschärft Medwedews Plot zur schnellen Farce und spickt ihn dezent mit Bad-Taste-Perücken und kleinen Absurditäten. Nadia Migdal spielt die Provinzfriseuse Irina angenehm klischeefern: nicht als naive, passive Transuse mit Helfersyndrom für Schwerverbrecher, sondern als aufgeweckte junge Frau, die einem zudringlichen Liebhaber auch schon mal die Kehle aufschlitzt - "nur in Gedanken natürlich".

Doch Irinas Vorort-Angebot an Männern ist wenig berauschend: ein öliger Richter (Udo Rau), ein egozentrischer Konzeptualist (Martin Schultz-Coulon) und ein viel zu netter Feuerwehrmann, der allerliebst zur Klampfe von "Eisbergen der Liebe, huhuhuu" singen kann (Karlheinz Schmitt). Kein Wunder, dass Irina, wie ihre Namensvetterin in "Drei Schwestern", da wegwill: So verpflanzt Medwedew das Tschechowsche Sehnsuchtsmotiv "Nach Moskau" ziemlich gnadenlos ins Heute.

Parabel über ein Land, dass sich immer mit dem Falschen einläßt
Bis Jewgenij (Martin Maria Eschenbach) auftaucht: Gut, er trifft mit seinem Auftrittssatz ("Na, Täubchen, bei der Arbeit?") nicht die hochgesteckten Erwartungen Irinas und sieht in seinem Vorstadtrocker-Look mit Vokuhila-Frisur nicht wirklich inspirierend aus. Doch er hat Sekt dabei. Und ein Motorrad. Dann geht es ganz, ganz schnell und brutal zu Ende – laut Textoriginal bringt Jewgenij sein Opfer Irina in einem Gewaltexzess mit Hammer, Messer und Benzin (beinahe) ums Leben, was die Regie nur stilisiert andeuten lässt.

Finkels Inszenierung überträgt diese Irina damit auch von einer Theatersprache in die andere – von der emotionalen, härteren Lesart des russischen Originals in die vielfach gebrochene, verfremdete Spielart des deutschsprachigen Regie-Theaters. Eine Übersetzung in doppeltem Sinne. Eine gute Arbeit. Keine Plattheiten über die "russische Seele". Sondern eher eine Parabel – über ein Land, das sich immer wieder mit den Falschen einlässt, um die Übel der Welt zu vertreiben.

Unter dem Firnis der Komik
Ja, und dann "Die Kröte". Eine Paar-Geschichte, die von psychischer Verwahrlosung, Unglück und Langeweile handelt. Die dann plötzlich kafkaesk abdriftet – weil sich die als Kröte beschimpfte Ljudmilla in eine ebensolche verwandelt. Hier schlägt Elina Finkel von vornherein den Ton einer Märchengroteske an. Der spillerige Busfahrer Pawel (mit vorgeschnalltem Fußball-Bauch: Karlheinz Schmitt) und die übergewichtige Ljudmilla (resolut: Nadia Migdal) öden sich an. Bis Ljudmilla zur grünlich-fetten Kröte mutiert – und fortan nur noch "quak" von sich gibt.

Finkel lockert die etwas eindimensionale Geschichte mit leicht aufgekratztem Sitcom-Tonfall auf. Die Hilflosigkeit der Umwelt angesichts von Ljudmillas Wandlung wird vor Augen geführt: Wohin mit der Kröte, ins Krankenhaus einliefern, in den Zoo abschieben oder einfach einen Pappkarton drüberstülpen? Auch der Arzt ist irritiert: "Die Geschlechtsorgane habe ich auch nicht gefunden." Und jedes "quak", das die feiste Kröte unterm zierlichen Goldkrönchen hervorstößt, klingt wie ein Vorwurf.

Doch unter dem Firnis der ideenreich variierten, bizarren Situationskomik erzählt Elina Finkel noch etwas: Wie sich ein gefühlstotes Frustpaar neu kennen, schätzen und lieben lernt. Aber das ist eine ganz andere, eher leise und unspektakuläre Geschichte.

Otto-Paul Burkhardt, Nachtkritik.de, 12. Juni 2010


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