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Premiere
19. Februar 2010

Clemens Bechtel

"68"

Ein Tübinger Stadtprojekt an der Universität

Mit Tübinger ZeitzeugInnen, SchauspielerInnen des LTT und StudentInnen des Seminars für Allgemeine Rhetorik und des LTT-Labors – Spielclub für Studierende.


Übersicht

5. März 2010
Stuttgarter zeitung

22. Februar 2010
dpa

22. Februar 2010
Reutlinger Generalanzeiger

22. Februar 2010
Reutlinger Nachrichten

22. Februar 2010
Schwäbisches Tagblatt

22. Februar 2010
Schwarzwälder Bote


Wie die 68er-Studenten die Uni veränderten
Tübingen Das Landestheater zeigt ein Stück über Studenten damals und heute.

Dass Tübingen bei der Studentenbewegung von 1968 eine so große Rolle gespielt hat, wusste ich nicht", sagt ein 22-jähriger angehender Student nach dem Besuch des Theaterstücks "68 - ein Tübinger Stadtprojekt des LTT an der Universität". Das außergewöhnliche Stück spielt genau dort, wo sich vor ungefähr vier Jahrzehnten Geschichte und Geschichten zugetragen haben, die Deutschland bis heute prägen - mehr oder weniger jedenfalls. "Der Umgang zwischen Studenten und Professoren mag sich ja geändert haben", merkt der 22-Jährige an, "aber wurde tatsächlich die Welt verändert?"
Originalschauplätze - alles beginnt im sehr großzügig gebauten Foyer von Tübingens Neuer Aula in der Wilhelmstraße. Das Familienleben vor 1968 wird dem 150-köpfigen Publikum von vielen Seiten schauspielerisch nahe gebracht. Kinder dürfen beim Essen nur reden, wenn sie etwas gefragt werden. Die streng einzuhaltende Mittagsruhe des Vaters dämpft die Aktivität der restlichen Familie. Und der gelehrige Hund passt zur deutschen Ordnung weit besser als die unbezähmbare Katze.
Im riesigen Festsaal geht es dann um erste Brüche zwischen Studenten und der Elterngeneration. Fragen nach deren politischer Vergangenheit tauchen auf, und die Zuneigung zum Vater erhält angesichts dessen Haltung nach 1933 erste Risse. Tatsächlich wurde die Geschichte der Tübinger Universität im Nationalsozialismus schon sehr früh, in den Jahren 1964/1965 nämlich, in einer Ringvorlesung behandelt.
Der junge Theaterbesucher mokiert sich über die unbequemen Sitzgelegenheiten im Audimax, dabei sind die erst vor einigen Jahren ausgetauscht worden. Sehr nah am Herbst 1967 ist die Szene, in der der Zwist von Studenten mit einem überforderten Professor dargestellt wird, der letztlich eine Vorlesung zum Thema "Der Vietnam-Konflikt und die Großmächte" abbricht. Diskutieren wollten die Studenten, und sie fragten "Was ist mit den Opfern?". Die Tübinger Vietnam-Prozesse vom Oktober 1968 bereiten einem Richter sichtliche Qualen. Drei SDS-Mitglieder waren nach einer Demonstration des schweren Landfriedensbruchs, der Nötigung und wegen eines Vergehens gegen das Versammlungsgesetz angeklagt worden. Der Saal fasste damals nur 35 Zuschauer. Der Richter wird daraufhin ins Kreuzfeuer genommen, wie die Stuttgarter Zeitung 1968 schrieb. Dabei kommt heraus, dass nicht er selbst für den kleinen Saal plädiert hatte, sondern einer Empfehlung des Justizministeriums gefolgt war. Die Öffentlichkeit sollte von solchen Prozessen möglichst wenig mitbekommen. Zeitgenössische Fotos von Manfred Grohe rücken viele Szenen näher heran. Im Clubhaus, auf der anderen Seite der Wilhelmstraße, geht es um die diversen Lebensformen, wie beispielsweise den Kampf eines Studenten gegen die aufkeimende Eifersucht, weil er seine Freundin mit einem anderen teilen muss. In Videoeinspielungen berichten Zeitzeugen von "ihrem" 1968. Da erfahren die jungen Leute staunend, dass es damals nur einen einzigen Numerus clausus gab - 2,5 für das Medizinstudium. "Und wenn der Notenschnitt nicht reichte, studierte man eben Pharmazie und kam über einen kleinen Umweg ins Medizinstudium", lautet die Botschaft von damals.
Als das "68-Stück" schon längst auf den Spielplan des Tübinger Landestheaters gesetzt war, begann der Bildungsstreik. Geschickt wurden Vertreter der neuen Protestgeneration in das Projekt einbezogen. Von Studiengebühren ist die Rede, von überfüllten Seminaren oder von 44 Wochenstunden, die kaum Zeit lassen für Proteste oder Hörsaalbesetzungen. Die es doch tun, müssen sich spöttisch sagen lassen: "Ach, da machen einige Linke wieder Party". Die Jungen geben dem Publikum auf den Weg: "Macht euch keine Sorgen, wir schaffen das schon!" Der 22-Jährige ist skeptisch. "Bei 44 Wochenstunden bleibt keine Zeit für die Weltrevolution oder einen Kampf wie den gegen den Vietnamkrieg".

Michael Petersen, Stuttgarter zeitung, 5. März 2010


© Landestheater Tübingen