Wir sind umgezogen! Hier gehts zur neuen Homepage des LTT

FotoFotoFotoFotoFotoFotoFoto

Premiere
19. Februar 2010

Clemens Bechtel

"68"

Ein Tübinger Stadtprojekt an der Universität

Mit Tübinger ZeitzeugInnen, SchauspielerInnen des LTT und StudentInnen des Seminars für Allgemeine Rhetorik und des LTT-Labors – Spielclub für Studierende.


Übersicht

5. März 2010
Stuttgarter zeitung

22. Februar 2010
dpa

22. Februar 2010
Reutlinger Generalanzeiger

22. Februar 2010
Reutlinger Nachrichten

22. Februar 2010
Schwäbisches Tagblatt

22. Februar 2010
Schwarzwälder Bote


Befreiung und Bürde
Theater - Clemens Bechtels Tübinger Stadtprojekt des LTT an der Universität »68« zeigt eine entfesselte Jugend

Studierende, die sich im besetzten Hörsaal die Zähne putzen; die bei Demos einen »Ausverkauf der akademischen Bildung« beklagen; die gegen Studiengebühren und Drittmittelabhängigkeit der Hochschulen wettern und sich mit Streiks dafür stark machen, dass auf je hundert Studierende eine Professur kommt - so sieht Protestkultur im Wintersemester 2009/10 an der Universität Tübingen aus, gewaltlose Regelverstöße inbegriffen.

Christian Draeger und Theresa Langer als Bernward Vesper und Gudrun Ensslin. FOTO: PATRICK PFEIFFER
Dass Regisseur Clemens Bechtel die Laptop- und Handy-Generation mit ins Boot holt, obwohl er sich doch eigentlich mit der studentischen Protestbewegung der Sechzigerjahre beschäftigt, macht den besonderen Reiz seines Tübinger Stadtprojekts »68« aus. »Wir nehmen Anlauf für eine neue Protestwelle«, sagt gegen Ende des Stücks ein Student. Zur Feier »10 Jahre Bologna-Prozess« der europäischen Bildungsminister in der Wiener Hofburg Mitte März soll es einen alternativen Gegengipfel und eine internationale Großdemonstration geben. Motto: Bologna den Prozess machen.
»Ein bisschen Punk«
Doch melden sich auch junge Menschen zu Wort, die es als Bürde empfinden, dass man sie an den 68ern misst. Bechtel, 1964 in Heidelberg geboren, hat es in einem Interview so formuliert: »Was blieb für unsere Generation noch übrig, außer ein bisschen Punk, 'Atomkraft? Nein danke!' und ein paar Friedenstauben?« Von der Unterschiedlichkeit zu erzählen, »selbst in einer überschaubaren Stadt wie Tübingen«, war ihm bei der dokumentarischen Recherche (beteiligt Inge Zeppenfeld und Katharina Rahn) und der theatralen Aufbereitung in kurzen Szenen und Berichten ein besonderes Anliegen.

Erfreulich vielstimmig fällt das Ergebnis aus. Die Universität, laut LTT-Intendantin Simone Sterr auch heute noch ein »Kulminations- und Ausgangspunkt für gesellschaftspolitische Prozesse«, wird zur Theaterbühne, und neben Schauspielern des Landestheaters stellen Studierende und Schüler des Uhland-Gymnasiums aktuelle Bezüge her.

Im Mittelpunkt des schnell getakteten Bilderreigens stehen fast ausnahmslos Tübinger Ereignisse, das Öffentliche wie das Private, damals und heute, angefangen von der Auseinandersetzung mit der braunen Vergangenheit und dem autoritären Erziehungsstil der Elterngeneration Mitte der Sechziger über das Aushebeln des Kuppelparagrafen durch gemischte Wohngemeinschaften bis hin zur Gerichtsverhandlung gegen drei mutmaßliche Rädelsführer einer unangemeldeten Vietnam-Demonstration 1968, bei der ein Schöffe mit seiner Äußerung, es gehe hier zu »wie in einer Judenschule« für Empörung sorgte. Das Urteil gegen die Studentenvertreter - drei Monate Gefängnis ohne Bewährung - wurde später aufgehoben. Die Spielorte - neben dem Foyer und dem Festsaal der Neuen Aula sind dies das Audimax, das auch als Gerichtssaal dient, und das Clubhaus - werden mit inhaltlichen Stationen verknüpft, an denen per Videoprojektion Zeitzeugen wie Karl Corino, Katrin Lütjens, Peter Langos und Walter Schwenninger ihre Erlebnisse reflektieren.

Radikalisierung nach 1968

Aus der beherzt spielenden Darstellertruppe stechen besonders Christian Draeger und Theresa Langer als Bernward Vesper und Gudrun Ensslin heraus, die sich in Tübingen kennenlernten. An dem politischen Aktivisten, Schriftsteller und Verleger und der späteren RAF-Terroristin werden die Enttäuschungen, die Zersplitterung und die Radikalisierung als Nachwirkung von 68 deutlich.

Gotthard Sinn glänzt mit amüsanten Einblicken als Zeitzeuge in eigener Sache. So blieb Eifersucht trotz stolz gelebter offener Beziehungen ein Thema für ihn. Ernüchtert musste er zudem feststellen, dass die Bauern in Portugal sich resistent gegen seine Revoluzzer-Vorstellungen von Landwirtschaft zeigten - und das nicht nur, weil er kein Portugiesisch sprach. Befreiend nennt er seinen persönlichen Abschied von 68. Er sei es letztlich müde gewesen, mit den Wölfen zu heulen, und während einige seiner Mitstreiter in die Politik gingen, wurde er »richtiger Schauspieler«.

Christoph B. Ströhle, Reutlinger Generalanzeiger, 22. Februar 2010


© Landestheater Tübingen