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Premiere
27. November 2009

Ingrid Lausund

Konfetti!

Ein Zauberabend für politisch Verwirrte

Komödie


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Tick, Trick und die vertrackte Welt
Komisch-böser Abend mit Zauberei: „Konfetti“ am LTT zeigt die Wiederholung des Politischen als persönliche Farce

Es beginnt mit einem Lachen. Es endet mit einem weißen – aber vielleicht sollte man nicht alles verraten. Also vielleicht so viel: In der Mitte des Stücks latscht ein aufsehenerregendes Wesen einmal über die Bühne, ansatzlos, ohne Erklärung, Zusammenhang, Kommentar. Die Schauspieler schauen, das Stück hält einen Moment inne und wundert sich über sich selbst.
Vielleicht ist das der wandelnde weiße Fleck, also das, was uns jeweils verborgen bleibt. Autorin Ingrid Lausund und Regisseurin Marion Schneider-Bast haben es aus dem Hut dieses Stücks gezaubert. Denn auch das ist „Konfetti“: Ein Zauberabend. Jeder der Schauspiele hat eine Menge Tricks gelernt.
Ein Clownsabend ist es auch, im weitesten Sinn. Es wird viel gelacht, vor allem im Publikum. Das Wort Clown kommt ja vom lateinischen Colonus. Das war einer, der aus den römischen Kolonien weit draußen stammte, sich mit den Sitten der Metropole nicht auskannte, sich also falsch benahm und zum Lachen war. Auch die fünf Figuren kennen sich mit den Sitten der Welt nicht aus. Allerdings nicht, weil sie Hinterwäldler, Provinzler wären. Im Gegenteil. Erst der moderne Anspruch, alles mitzubekommen, auf der Höhe der Zeit zu sein, überall sich eine eigene und natürlich auch kritische Meinung und Haltung bilden zu müssen bringt sie angesichts ihres ungesicherten Halbwissens und unserer unübersichtlich-komplexen Welt in eine klassische Überforderungskrise. Kein Wunder, dass sie alle Depressionen haben und in Behandlung sind. Der Zuschauer sieht davon allerdings nur die aufgekratzte, manische, hysterische Seite, die Farce. Oder die sanft strahlende Zwangsharmonie esoterischer Beglückung.
„Konfetti“ ist im Prinzip eine Mixtur aus wohlbekannten Thesen und Diskussionen, die via Medien herumschwirren und hier konkret überspitzt und auf fünf Personen aufgeteilt zu einem ziemlich feuilletonistischen Theater werden. Wie passt das Essen einer Pizza zu den Bildern einer Busexplosion und das Wegschmeißen der Pizza wegen der Explosionsbilder zum Hunger auf der Welt? Lausund macht sich einen Spaß daraus, so ein Fallbeispiel in Form einer politisch-kabarettistischen Valentinade zu einem längeren, gespielten Witz auszubauen. Anke Engelke könnte so was natürlich auch in ihrer Sendung „Ladykracher“ verwursten: Comedy. Hier ist es Theaterelement.
Die Figuren tragen alle die Vornamen der Schauspieler. Christian (Dräger) spielt Pizza- aber auch Glühlampennöte mit allerschönst verbissenem Ernst. Johannes (Schön) gefällt als Gutelaunetrottel. Ina (Fritsche) und Britta (Hübel) können das frisch aus der Therapie kommende positive Denkgeschwätz besonders gut, wobei Autorin Ingrid Lausund es in den besten Momenten schafft, provozierende Ambivalenzen herzustellen. Wenn Ina beispielsweise darauf hinweist, dass ein aufs Unglück gebannter Blick Unglück erst recht gebiert, hat sie in gewisser Weise vollkommen recht; nur so wie sie es sagt und welche Kausalkette sie dabei aufstellt macht ihre Ausführung zu einer reaktionären, skandalös dummen Rede. Ja, „Konfetti“ ist teilweise sehr böse. Da knüpft Ina als Germany’s next Topmodel (oder sind wir bei der Bambi-Verleihung?) nahtlos an.
Und was macht Theresa (Langer)? Findet Zeitungsartikel erst zum Brüllen komisch, setzt später an zu einer kulturpessimistischen „Wir-amüsieren-uns-zu-Tode“-Brandrede, die enorm viel Karnickelgerammel und Häschenwitze (Mitspieler: Johannes Schön) im Hintergrund braucht, um genau wieder jene Bedeutungsambivalenz aufzubauen, die den Zuschauer herausfordert: Finde ich jetzt die Witze blöd und die Rede klasse? Oder die Rede blöd und die Witze toll? Oder was an der Rede finde ich blöd und was gut und darf ich lachen und wenn ja, lache ich dann unter meinem Niveau? Oder müsste mir mein Lachen im Hals stecken bleiben, um politisch korrekt zu sein? Also nur mal für den Fall, dass sich der Zuschauer angesichts dieses Stücks in die gleichen Überforderungen treiben lässt wie die Stückpersonen angesichts der Welt.
Die Zauberkunststücke sind so verblüffend wie Zauberkunststücke eben sein müssen. Besonders an den vielen Knödeln, die Britta ständig aus dem Mund quellen, kann sich das Publikum kaum satt sehen. Ob sie allerdings die Ablenkungsmanöver und Manipulationen (ach, früher, bei Adorno, hieß das mal treffend „Verblendungszusammenhang“) allegorisieren, mit denen Politiker, Medien und letztlich auch Christian, Ina, Theresa, Britta und Johannes – also wir alle – ihre, unsere Schattenseiten und Deformationen verbergen? Ein Trick schafft es immerhin sehr punktgenau, Verantwortungsweitergeschiebe wie auch Gewaltspiralen in der globalen Welt zu versinnbildlichen – hier aber schon wieder mit einer Eindeutigkeit, die einem den Zauberspaß als maskiertes Lehrtheater etwas verleidet.
Marion Schneider-Bast beweist mit ihrer ersten Regiearbeit am Haus ein Händchen für den Stoff und gutes Gespür für den richtigen Takt aus Leichtigkeit und Präzision. Der Zuschauer wird am Ende mit Konfetti beworfen. Und geht in einer Kombination aus nachdenklicher Bedröppelung und guter Laune von dannen.

Peter Ertle, Schwäbisches Tagblatt, 30. November 2009


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