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Premiere
27. September 2009

A. L. Kennedy

Paradies

in einer Fassung von Jenke Holzhauer-Nordalm
Themenstück für die Studiobühne

Inszenierung: Jenke Nordalm / Ausstattung: Jelena Nagorni / Dramaturgie: Inge Zeppenfeld
Regieassistenz: Alexander Wenz/Nils Wiegand / Dramaturgieassistenz: Julia Feigl / Dramaturgiehospitanz: Katharina Rahn/Stefan Kraft
Mit: Katja Gaudard, Udo Rau
Dauer: 105 min.



"... und dann ging ich zu weit.
Denn wo hätte ich sonst hingehen sollen?"

Es ist 8:42. Ob morgens oder abends – das verrät weder die Uhr noch das eigene Gedächtnis. Ein Zimmerschlüssel mit einem hässlichen, giftgrünen Plastikanhänger in ihrer Hand lässt Hannah Luckraft, die Ich-Erzählerin in A. L. Kennedys Roman „Paradies“, vermuten, dass sie sich in einem Hotel befindet und das geschmacklose Teppichmuster und die scheußlichen Bilder an der Wand legen nahe, dass es sich um ein britisches Hotel handeln muss, das Büffet sieht nach Frühstück aus und der Blick aus dem Fenster deutet auf Flughafennähe hin. Ein Mann mit rotem Fusselhaar spricht sie an, scheint sie zu kennen. Woher? Wer ist dieser Mann? Warum wird sie kurz darauf seine Haare in der Dusche im Bad ihres Hotelzimmers finden? Was war in der Nacht?...

Hannah lebt von Filmriss zu Filmriss. Sie ist Alkoholikerin, und zwar eine, die niemals den Likör heimlich verstohlen unter den Kaffee mischen würde, sondern eine, die illusionslos und mit bitterer Sehnsucht spüren will, wie der pure Alkohol brennend die Kehle herunter rinnt, um sie ins hochprozentige Paradies der rauschhaften Entrückung zu katapultieren.

Hannah trinkt seit ihrer Schulzeit, mit siebzehn hat sie ihr Elternhaus verlassen. Doch die Familie ist ihr einziger Schutz- und Ruheraum geblieben, in den sie flieht, wenn wieder einmal alle Stricke gerissen sind. Allerdings ist die Geduld der Eltern und vor allen Dingen des jüngeren Bruders Simon längst aufgebraucht. Hannahs einziger Halt, die Liebesbeziehung zu dem ebenfalls trinkenden Zahnarzt Robert, endet nach mehrfachen Entzugsversuchen doch immer wieder in ausufernden Alkohol- und Sexexzessen, die beiden nicht gut tun und die Hannah am Ende die Grenze tatsächlich überschreiten lassen ...

„Paradies ist A. L. Kennedys intensivstes Werk und selbstredend erzählt es von der Hölle,“ schreibt die Zeitschrift „Literaturen“ über den fünften Roman der Schottin. Sie führt uns tief hinein in die schlingernden Gedanken und Eindrücke, die Hanna Luckraft in nüchternem Zustand nicht ertragen, in betrunkenem Zustand nicht bewältigen kann. Ihre plötzlichen Kurswechsel, gebrochenen Assoziationen und sprunghaften Erinnerungen macht Kennedy mit einer ebenso rasanten Sprachführung und einem atemberaubenden schwarzen Humor nachvollziehbar bis in die Poren. Seit ihrer Aufnahme in die legendäre Granta-Anthologie „Best of Young British Writers“ (1993) gehört A. L. Kennedy zu den meist beachteten Autorinnen Großbritanniens. Für ihre Romane („Gleißendes Glück“, „Einladung zum Tanz“, „Alles, was du brauchst“, „Ein makelloser Mann“, „Days“ u. a.) erhielt sie zahlreiche Preise, u. a. den Somerset Maugham Award. Zudem meldet sich die Autorin, Dramatikerin und Filmemacherin oft auch als Journalistin für den „Guardian“ politisch zu Wort – zuletzt gegen die Irak-Politik Tony Blairs – und tritt gelegentlich mit Stand-Up-Comedy auf.


Schon länger war LTT-Dramaturgin Inge Zeppenfeld mit der Film- und Theaterregisseurin Jenke Nordalm im Gespräch über eine mögliche Zusammenarbeit. Jenke Nordalm gilt als Spezialistin für die Theatralisierung nicht-dramatischer Stoffe und für Projektarbeiten. Sie inszenierte bisher unter anderem an den Sophiensaelen Berlin, am Theater Freiburg, am Düsseldorfer Schauspielhaus, an den Theatern Aachen und Ingolstadt sowie an der Rampe in Stuttgart. Für PARADIES arbeitet Jenke Nordalm erstmalig mit der Ausstatterin Jelena Nagorni zusammen, die nach ihrem Studium an der Kunsthochschule Berlin Weissenberg und einem Auslandssemester in Finnland seit 2007 als Bühnenbild-Assistentin am Bayerischen Staatsschauspiel in München und am Staatschauspiel Stuttgart engagiert war und seit dieser Spielzeit frei arbeitet. Wie Jenke Nordalm interessiert sich auch Jelena Nagorni für Grenz- und Cross-over-Bereiche des Theaters. Unter anderem beteiligte sie sich an der Ausstellung „Hermannschlachten_07” in den Wagenhallen Stuttgart.


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