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Premiere
25. September 2009

William Shakespeare

Ein Sommernachtstraum

Klassische Komödie mit Musik


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11. Januar 2010
Der Landbote, Winterthur

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28. September 2009
Schwäbisches Tagblatt

28. September 2009
Schwarzwälder Bote


Zwischen Buschbär und Schwammlöwe
Fast ein Musical: Die Intendantin Simone Sterr inszeniert dem LTT mit dem „Sommernachtstraum“ einen gelungenen Auftakt

„In fünf Minuten beginnt die Übertragung von Theseus’ Festrede. Bitte versammeln Sie sich im Foyer”. Tatsächlich, auf mehreren Leinwänden übertragen, Punkt 20 Uhr: Das Ereignis. Die Jugend von Athen jubelt. Vermutlich Einschaltquoten wie bei Obamas Eid oder der Beerdigung von Michael Jackson. Ein Theseus (später auch Oberon: Benjamin Kradolfer Roth), der an Sarkozy und Berlusconi erinnert. Dann der Knall: Hermia sagt nein zu Demetrius, will Lysander. Live übertragen, mit Spielfildramaturgie (Video: Christian Haardt), immer wieder werden die Gesichter Hermias, Lysanders und des stinksauren Demetrius herangezoomt. Als Schauspiel
im Foyer geht es weiter, Lysander und Hermia verabreden sich auf ein Rendezvous im Zauberwald.

Shakespeare als Popsong

Erst jetzt geht’s rein in den Saal, wo der Bühne nach 1) Film und 2) Foyertheater noch 3) ein weiteres Spielfeld vorgelagert ist: Statt Peter Squenz kommt hier allerdings Petra Squenz herein, mit Bierbank, Keksdose, Teetassen, Texten. Silvia Pfändner als sehenswert hilflose Regisseurin einer in die Jetztzeit versetzten, tumben Theateramateurcrew bei der ersten Rollenverteilung. Wobei der Shakespearetext gelungen modernisiert wird, ohne ihn aufzugeben. Nur Zettel darf richtig improvisieren, kommt mit einem Platten am Rad zur Probe, schimpft über die Glasscherben, empfiehlt sich dann – dies wie bei Meister Shakespeare – für sämtliche Rollen, brüllt, piepst. Karlheinz Schmitt wird hier, was er den Abend über bleiben wird: Der Publikumsliebling.
Jetzt erst geht’s auf die Hauptbühne: Der Zauberwald. Und ein von Shakespeare getexteter, hitverdächtiger Popsong: „Über Täler und Höh’n” (und durch Eis und Glut / über Steppen und Seen / Und durch Feuer und Flut). Falls jemand einwenden will, das sei kein Songtext, sei hier aus zwei Hits der letzten Jahrzehnte Musikszene zitiert: 1): „Dieser Weg wird kein leichter sein / dieser Weg wird steinig und schwer.“ 2): „Über sieben Brücken musst du geh’n / sieben dunkle Jahre übersteh’n“. Fazit: Da kann Shakespeare mithalten. Und diese Inszenierung ist fast ein Musical! Wogt es im Innern der Figuren besonders, wird gesungen. Jojo Büld hat atmosphärische Klänge und richtig poppige Melodien komponiert.
Der erste große Zauberwaldaufreger: Demetrius sucht die Angebetete Hermia, wird dabei von der ihn anbetenden Helena verfolgt. „Ich lieb’ dich nicht und kann dich auch nicht lieben!“ Reihum wird geseufzt und zusammengezuckt ob so viel Hartherzigkeit, lauter Helenas im Publikum. Das liegt am Stoff, am Spiel der beiden, an der hier zum erstenmal auf Hochtouren laufenden Choreografie. Helena hetzt – eigentlich schon Tanztheater – ihrem Demetrius hinterher, die ersehnte Vereinigung gibt’s nur als Nahkampfbündel, bis der Flüchtende Hemd, Hose und sogar einen Teil seiner Unterhose einbüßt: Johannes Schön und Julienne Pfeil verhelfen der Inszenierung zu einem frühen Höhepunkt.

Puck: Er will doch nur spielen

Ja wo laufen sie denn? Sie laufen in einer abstrakt märchenhaften, glitzernd-rutschigen Szenerie (Bühne: Marion Eiselé), auf Schrägen,Blöcken. Eine mit vielfach Klarsichtfolie überzogene Landschaft, aber klar sieht hier niemand, Landschaft als Blendwerk. „Und nachts geschieht’s, dass Mensch die Angst befällt und er den Busch für einen Bären hält.“ Singt die Band. Oder sind’s die Augentropfen? An dieser Stelle müssen wir über Puck reden. LTT-Neuling Patrick Schnicke stellt sich hier als einer vor, dem man noch viel zutraut. Nonchalance, Schluritum, Langeweile und Obsession mit einem Schuss subalterner Gerissenheit. Seinen Galaauftritt hat er, als er sich wie eine spielende Katze mit dem Klebeband der nun im Wald probenden Schauspieltruppe vergnügt, heillos verstrickt. Hildegard Maiers Jutta Lampe sorgt mit ihrem aufgesagten Thisbe-Monolog für weitere Erheiterung und mit Zettels Eselskopf stellt sich auch eine Spur lustig gefärbten Grauens ein. Folgerichtig lässt Regisseurin Simone Sterr ihre Hippolyta (Britta Hübel, auch Titania) erbrechen, als sie merkt, mit wem sie es da eigentlich getrieben hat.

Alles nur Traum – bis auf den Tod

Was macht die Regisseurin sonst noch mit diesem Sommernachtstraum? Sie macht ihn singbar. Sie nimmt ihn ernst. Sie macht ihn modern. Nicht nur von den Klamotten her, nicht nur durch die Kunstlandschaft. Sie erlaubt sich raffende Sequenzen aus der Trickfilmkiste, unterlegt mit viel Oing und Boom und Crash. Sie choreografiert die Spannung am Gipfelpunkt der Dramatik mittels satirischer, also satyrspielähnlicher Kämpfe (auch kleidungstechnisch stehen sich die Männer wie griechische Kämpfer gegenüber)zwischen Lysander, Helena, Hermia, und Demetrius. Die beiden Letzteren liefern zumindest zu Beginn das Liebesglück, ohne das populäre Stücke kaum auskommen: Raffaele Bonazza und Nadia Migdal, ein starkes Duo in einem starken Quartett. Und am Morgen nach der Party ist allen alles ein bisschen peinlich. Diese Ernüchterung wie auch das Leid der plötzlich nicht mehr Geliebten sorgen für einen zeitlos dunklen Anteil, der in unserer zur Gefühlsverwirrung einladenden, auf persönliche Gewinnmaximierung und Selbstinszenierung angelegten Ex-, Hop,- und Multioptionsgesellschaft seine Aktualität findet. Die Inszenierung setzt hier nur ganz sachte Akzente, das existentiell Dunkle wird nicht extra ausgestellt. Nur der Zettel Klaus steht am Ende nicht mehr auf. Ein kleines Detail, das zeigt, dass die hier spielerisch verhandelten Dinge in der Realität bisweilen tödlich enden. Der Schluss des Stücks sei nicht der Schluss der Kritik, die nicht enden darf, bevor die bei bloßem Erscheinen auf der Bühne mit Applaus bedachte Kostümsensation des Spülschwammlöwen (Michael Kientzle als Stuffo, Kostüme: Mascha Schubert) und die berühmte Wand (Bernhard Klasing als Kleister) genannt sind, wie auch die musizierenden Elfen Charlotte Brandi, Matze Pröllochs und Joel Siepmann. Ein auftaktwürdiges Spektakel, das zwischen den Höhepunkten manchmal noch etwas tastend daherkam. Die folgenden Aufführungen werden für die richtige Betriebstemperatur sorgen.

Peter Ertle, Schwäbisches Tagblatt, 28. September 2009


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