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Premiere
8. Mai 2009

Petr Zelenka

Schrottengel

Geschichten vom alltäglichen Wahnsinn


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Die Unordnung der Dinge
Eine surrealistische Schwejkiade: Petr Zelenkas "Schrottengel" am Landestheater

Nach Karlsruhe und Ulm nun auch Tübingen: Die Theater entdecken mit Fleiß eine hintergründige Groteske aus dem Lande Schwejks. Eines kann man Petr Zelenkas "Schrottengel"-Geschichten vom alltäglichen Wahnsinn auch gewiss nicht absprechen - dass es hier nicht turbulent zugeht. Und genau so schüttelt das LTT dies nun auch auf seiner multifunktional unordentlichen Werkstatt-Bühne aus.

Zuerst mal schält sich unterm Fließband mit Petr ein recht herzensguter, aber liebeskranker Junge aus dem Matratzenlager. Mit der Idealbesetzung Danny Exnar könnte ihn zwar kein Wässerchen, höchstens manch Bierchen trüben: Prompt gilt das erste Augenmerk der einladend offenen Kühlschranktür, hinter der stattliche Vorräte an böhmischem Schwarzbier schlummern.

In den nächsten drei Stunden wird Petr sie mit bemerkenswertem Stehvermögen niedermachen und dabei doch nie diesen wachen, wissenden, zugleich aber auch staunenden Blick verlieren auf all die merkwürdigen Dinge, die um ihn herum geschehen. Lauter Dinge, die sich einerseits selbständig machen wie jene winkende Bettdecke oder die erwachende sexy Schaufensterpuppe aus der H&M-Damenkonfektion. Die andrerseits den Mitmenschen mitspielen, mal wohler, mal übler. Und wie der Zufall so spielt: Auch er spielt dann eben tatkräftig mit, bis alles schön bunt durcheinander gewirbelt ist.

Eigentlich ist "Schrottengel" eines dieser Theaterereignisse, über die man nicht zu viel Worte verlieren sollte, um möglichst wenig preiszugeben von dem aberwitzigen Tohuwabohu. Das versaut einem nur die gründliche Vorlust. Die Schauspieler, bestens in Form, dürfen unter Ralf Siebelts Regieanleitung sogar die Klamotte nicht scheuen: Siebelts Inszenierung gibt dem Affen ihrerseits Zucker. Da wird gehohnepiepelt und gepechvögelt: Ein Pärchen kann's nur miteinander treiben, sobald jemand dabei interessiert zusieht, was Petr ein kleines nettes Zu(schauer)brot verschafft. Freund Mücke zeigt sich seinerseits beim Selfmade-Sex höchst angeregt von Ansaugstutzen oder wehrlosen Waschbeckensyphons; während eine offenkundig hysterische Töpferin lieber - aus rein künstlerisch-unbewussten Gründen, versteht sich - hingebungsvoll einen Klumpen Lehm zu des Golems hervorragendstem Körperteil knetet.

Menschliche Abgründigkeiten

Es geht also drunter und drüber in diesem Absurditätenkabinett, hinauf in nervöse Hochfahrstimmungen und hinab in menschliche Abgründigkeiten mit ihren sexuellen Neurosen und den Nöten vereinsamter Naturen. Zelenkas Stück ist weitaus mehr als nur ein harmloser Ulk oder eine spaßige Farce. Zum einen drückt es diese versprengten Menschenkinder mit einem zärtlichen Lächeln ans Herz. Denn nicht sie sind verrückt (oder gar pervers), sondern die Verhältnisse verrücken (oder pervertieren). Und Petr lernt schließlich: "Die komischen Dinge sind in dir drin."

Neben Exnar, der diesen Petr spielerisch wunderbar zurückgenommen und effektiv ins Zentrum rückt, laufen einige Mimen zu Hochform und erhitzter Drehzahl auf: Karlheinz Schmitt wütet berserkerhaft als Nachbar Jiri, auch im engen Clinch mit der reizvollen Alice (Julienne Pfeil); und in einer weiteren Minirolle darf Schmitt als menschenfreundlicher Arbeitgeber mit Hang zu kleinen Jungs minimiert und raffiniert die Segnungen der tollen LTT-Maskenabteilung vorführen.

Zerrbilder und Autoerotiker

Petrs verloren geglaubte große Liebe Jana ist mit Veronika Avraham illusionslos zupackend, selbst wenn sie kräftig daneben greift - etwa mit Aleš, den Johannes Schön als begriffstutzigen Prolo mit Hosenschlag und Vokuhila-Frisur geradewegs einer Pommesbude im Ruhrgebiet entspringen lässt. Solche Zerrbilder stehen im Kontrast zu scheinbar normaler und gradliniger wirkenden Figuren, die sich aber dann ebenfalls als ziemlich schräg erweisen.

Petrs Mutter (Hildegard Maier) versinkt in tiefer Kümmernis, dem Vater (Gotthard Sinn) winkt Demenz und eine keusche Affäre mit eben jener verwirrten Töpfersfrau (Katja Gaudard). Doch am härtesten trifft's Petrs Kumpel (und bekennenden Autoerotiker) Mücke. Raffaele Bonazza setzt bestens um, wie ein an und für sich gutherziger und gutaussehender Typ vor lauter Sehnsucht und Liebesentzug dem Objektcharakter verfällt, bis er nur immer dümmere und schlimmere Sachen macht. Teils umtänzelt ihn eine attraktive Putzfrau (Katalyn Bohn), und dann - aber wie gesagt, mehr wird hier nicht verraten.

"Schrottengel" knüpft an die reiche surrealistische Tradition der ehemaligen Tschechoslowakei oder CSSR an. Wo die Reisefreiheit endete, waren andere Grenzüberschreitungen vonnöten. So schuf man sich einen "neuen Mythos unserer Lebenswirklichkeit", wie es der surrealistische Theoretiker Karel Teige nannte, und stieß "das Tor zum Wunderbaren" wenigstens "einen Spalt breit auf". Dichterische Magie, die über Imagination auf die Wirklichkeit einwirkt: Das ist das Geheimnis von "Schrottengel" und das Abenteuer des jungen Petr, für den die unordentlichen Dinge wieder in eine Ordnung kommen.

Wilhelm Triebold, Schwäbisches Tagblatt, 11. Mai 2009


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