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Premiere
28. November 2008

Georg Büchner

Leonce und Lena

Ein Lustspiel


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Augsburger Allgemeine

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Reutlinger Nachrichten

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Reutlinger Generalanzeiger

1. Dezember 2008
Schwäbisches Tagblatt


Gewitzt im Reiche Popo
Die Bühne düster, kunstnebelverhangen und verlassen. Nur das wiederkehrende Ping ist aus der schwarzen Tiefe zu vernehmen. Dann setzt Geschramme auf der E-Gitarre ein. Ohrenbetäubend, aufrüttelnd, beklemmend, entnervend. Die Dame neben mir gibt nach einer Minute auf, greift nach der Jacke und verlässt fluchtartig den Saal.

Hätte sie nur mal die Ohrenstöpsel benutzt, die vorsorglich mit der Eintrittskarte verteilt worden waren. Nach dem Eingangsgetöse hatten die Stöpsel ihren Dienst nämlich schon erfüllt und konnten weggesteckt werden. Die Premierenvorstellung von »Leonce und Lena« brauchte in der Folge keine künstlichen Dämpfer mehr, auch wenn die Musiker im Stück es immer mal wieder kurz punkrockig in der LTT-Werkstatt krachen ließen. Mit ihrer bis zum Ende durchgehaltenen, atmosphärisch dichten Inszenierung begeisterten die Schauspieler ihr Publikum.
Büchners »Lustspiel« gehört sicherlich zu den am häufigsten gezeigten Stücken in der deutschen Theaterwelt. Prinz Leonce vom Königreich Popo entflieht mit dem Lebenskünstler Valerio der hohlen Langweile seines kleinen, unbedeutenden Staats und der anberaumten Zwangsheirat mit Prinzessin Lena aus dem Reiche Pipi nach Italien.
Dort trifft er auf Lena, die ebenfalls vor dem ihr unbekannten Bräutigam die Flucht ergriffen hat. Leonce und Lena verlieben sich ineinander - ohne zu wissen, dass ihre Väter sie füreinander bestimmt hatten. Sie kehren, unkenntlich als Automaten verkleidet, just im entscheidenden Moment zurück, um vor dem erleichterten König von Popo und dem versammelten Bauernvolk »in effige«, also als symbolisches Abbild der vermeintlich abwesenden Leonce und Lena, getraut zu werden.
In Stefan Rogges Inszenierung ist die Musik integraler Bestandteil des Bühnengeschehens. Seit Jahren entwickelt der gebürtige Kölner im Team mit Malte Lübben (Ausstattung) und Andreas Debatin (Musik) gemeinsame Theaterprojekte. Debatin agiert bei Leonce und Lena auf der Bühne nicht nur als Musiker, sondern greift etwa in der Figur des Zeremonienmeisters auch als Darsteller ein. Und die Schauspieler greifen selbst zu Cello, Trompete und Schlagzeug.

Im roten Minibett eingeklemmt

Dabei bleibt das Stück zu Recht immer nahe an Büchners wortgewaltigem Ursprungstext, nur ab und an finden sich wie flüchtig eingewebte Dialoge und Sequenzen aus der Jetzt-Zeit, die das Publikum zum Lachen reizen, wie
etwa die im roten Minibett eingeklemmte, Zigarette qualmende und ein Buch mit dem Titel »Angry Women« lesende Gouvernante. Überhaupt darf bei Stefan Rogges Inszenierung gelacht werden. Sehr köstlich etwa die Bekleidungsszene, in der König Peter vom Reiche Popo (Karlheinz Schmitt), nackt bis auf Dornenkrone und Lendenschurz, die Bühne erklimmt, um sich ankleiden und in seine Hosen stemmen zu lassen.
Oft genug werden der Hohlheit des sich langweilenden Adels, der Melancholie, Verbitterung und dem Zorn des Leonce (Martin Schultz-Coulon) und der verzagt leidenden Lena (Silvia Pfänder) Szenen voller Witz entgegengestellt. Unter dem Deckmantel der Fröhlichkeit entlädt sich die Sprengkraft von Büchners satirischem »Lustspiel« und lässt unversehens zwei gute Stunden Theater wie nichts verstreichen.

Andrea Anstädt, Reutlinger Generalanzeiger, 1. Dezember 2008


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