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Premiere
10. Oktober 2008

Henrik Ibsen

Hedda Gabler


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Scherben, Blätter
Gut gearbeitet, zu wenig gewagt: "Hedda Gabler"am LTT

Als Hedda Gabler bei Ibsen endlich auftaucht, ist sie durch das Gespräch zwischen ihrem Ehemann Tesman, seiner Tante Jule und dem Dienstmädchen Berte schon längst vorgestellt. In der LTT-Inszenierung ist sie von Beginn an da, eine in diesem Moment voraussetzungslose Frau, ihr allein gehört die Bühne, wenn sie in einem kleinen Vorspiel eine Gratwanderung macht, einen Kreis, der sich nicht schließen wird. Ein Kind, das sich langweilt, eine gedankenversunkene Frau. Und die erste von ein paar kleinen Künstlichkeiten, die den sanften Kammerton-Realismus immer wieder mal aufbrechen.

Ein psychologisch

austariertes Spiel

Als müsste die Inszenierung diesem prompten Beginn wieder etwas entgegensetzen, geht es erst mal sehr langsam und eigentümlich unentschieden los. Da sitzen sie nebeneinander, Hedda und Tesman, ein Paar, das nicht recht weiß, was es sich zu sagen hat, und ruckeln stattdessen etwas auf ihren Sitzkissen. Einige Momente lang könnte das ein Allerweltspaar sein, das gerade etwas Knatsch hinter sich hat. Ein schönes, weil sehr funktionales Element: Noch könnten das du und ich sein oder sie und er, das öffnet die Aufmerksamkeit.

Und bleibt nicht lange so. Zunehmend wird die erwartete Bühnenfigur Ibsens draus, Hedda Gabler, die ihren Mann nicht liebt, ihn nur wegen der Aussicht auf die zukünftige gesellschaftliche Position geheiratet hat. In der Begegnung mit Frau Elvsted gelingt Jessica Higgins der erste große Streich. Wie ihre Hedda scheinbar gelangweilt aufhorcht beim Namen ihres Ex-Vertrauten Løvborg, wie sie sich ins Vertrauen von Frau Elvsted einschleicht, alles aus ihr herauspresst: Ohne große Theatralik, spröd und kühl, und doch mit einwickelnder Wärme. Sehr modern und heutig wirkt sie. Jede Hedda-Inszenierung steht und fällt mit der Hauptfigur. Und so steht diese Inszenierung von da an immer auf sicheren Beinen.

Sie steht bisweilen aber auch in einem anderen Sinn: Es ist zu wenig Bewegung drin, in der Fußballsprache: Es fehlt ein Regisseur, der das Spiel mal schnell und mal langsam machen kann, auch einer, der Akzente setzt. Die Geschichte bleibt dank Hedda, ihrer Kollegen und der Dramatik der Ereignisse einigermaßen spannend. Aber sonst? Die Stärke dieser Inszenierung Ralf Siebelts ist das psychologisch austarierte Spiel, da gelingt viel, werden die Figuren ordentlich gezeichnet, alles im gedämpften Kammerspielton, der allerdings zu selten Abgründe preisgibt, kippt, kunstvoll überdreht.

Scherben aufkehren,

Bücher fallen lassen

Und so atmet man auf, wenn Hedda genau in jenem Moment, als ihre Zukunftspläne zu platzen drohen, eine Vase zerdeppert und Tesman danach in Echtzeit minutenlang die Scherben aufkehrt. Endlich ein Zugriff, endlich Farbe bekannt. Man freut sich, wenn Tesman mit Büchern bestückt nachhause kommt, umständlich Løvborgs neues Werk aus dem aufgestapelten Bücherturm vor seinem Bauch herauszieht, natürlich alles einstürzt, während Hedda und Brack ein kurzes Bücher-Volleyball über Tesmans Kopf hinweg beginnen. Oder die treffliche Idee, dass Hedda Løvborgs Manuskript ausgerechnet bei den Pistolen versteckt! Ist man schon dankbar. Oder: Heddas Tanz, entfesselt, mit offenem Haar, nachdem sie Løvborgs Manuskript verbrannt hat. Leider geht diese Inszenierung zu selten so aus sich heraus.

Ein Spezialfall moderner Verwahrlosung

Hervorragend, wie Danny Exnars Tesman sich textlich über Løvborgs Erfolg freut und als Figur doch die Zerknirschung darüber spielt. Wie blankes Entsetzen, ja Trotz ausbricht, als seine kleine Spießerwelt ihre Versprechen zu verweigern scheint. Frau Elvsted wiederum ist mit ihrer Naivität und Geradlinigkeit eine von Silvia Pfändner gut in Szene gesetzte Gegenfigur zu Hedda. Und vielleicht finden sie und Tesman ja nach Heddas Tod wieder zusammen, so emsig wie sie da am Ende Løvborgs Werk zu rekonstruieren versuchen

Dann wären da ja noch unsere beiden Spieler. Den smarten, gefährlich im Schutz der Konventionen und auf der Seite des Gesetzes agierenden Richter Brack, unheimlich heutig und stimmig von Gotthard Sinn in Szene gesetzt. Und den dionysischen, getriebenen, aus der Rolle fallenden Løvborg, weit hinaus wollend - Gastschauspieler Martin Maria Eschenbach überzeugt von seiner trocken-fassungslosen Begrüßung bis zu seinem feucht-derangierten Auftauchen aus nächtlicher Verwirrung.

Max Julian Otto hat der Szenerie ein möbliertes Halbrund gebaut, sachlich, doch mit historischen Design-Anklängen, schön und gepflegt, wie Hedda das wünscht, gedämpft und abgepolstert. Zwei transparente Flächen geben verschwommene Durchblicke nach hinten. In den Pausen zwischen den Akten leuchten sie geisterhaft alternierend im Schwarz der Nacht. Spukende Wahrheit zwischen dem Zwangstheater der Hedda Gabler.

Freilich: Die gesellschaftlichen Konventionen und die Möglichkeiten einer Frau zur Zeit der Stückentstehung mitgedacht, bekäme die Figur der Hedda Gabler noch mal eine andere Tragik, Schärfe. Die LTT-Inszenierung rückt den Stoff in einen eher zeitlos-psychologischen Horizont, den der Zuschauer automatisch am Heute misst. Und da sehen wir vor allem: Eine schwer neurotische Frau, deren Handlungen nicht auf der Folie irgendwelcher gesellschaftlichen Schranken erklär- oder gar entschuldbar sind. Hedda wird eher zu einem Spezialfall moderner Verwahrlosung bei gleichzeitiger Angst vor sozialer Deklassierung. Nirgends ist diese Frau aufgehoben. Außer bei Jessica Higgins, die mit dieser Rolle einen gelungenen Einstand als Ensemblemitglied im LTT feiert.

Schwäbisches Tagblatt, 13. Oktober 2008


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