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Premiere
10. Oktober 2008

Henrik Ibsen

Hedda Gabler


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Das Leben der Anderen
Aus Machtgier, Spiellust oder purer Langeweile: Hedda Gabler lebt in Ralf Siebelts filigran
inszeniertem Ibsen-Konzentrat am Landestheater nicht selbst -sondern sie spielt lieber mit dem Leben der Anderen.

Die Generalstochter Hedda Gabler hat ein neues Kriegsspielzeug: Ihren Ehemann JOrgen Tesman, an dem sie allerdings noch während der Hochzeitsreise die Lust verliert. Der ziemlich langweilige- Kulturhistoriker interessiert sich nur für seine Fachbücher und kann ihr vorerst auch nicht das großspurige gesellschaftliche Leben bieten, das sie sich aus dieser Zweckverbindung erträumt hat und für das sie sich aber sowieso nur aus einer Laune heraus entschieden hat.
Unfähig, ihr eigenes Leben zu leben, konzentriert sich Hedda Gabler deshalb ganz auf ihre Umgebung, um überall, wo sie so etwas wie Glück und Selbstbestimmung vermutet, mit subtiler, aber wirkungsvoller kungsvoller Guerillataktik dazwischen zu funken und sich dabei letztlich selbst zu zerstören. Ralf Siebelt bringt Henrik Ibsens Drama von 1891 konzentriert und im Grunde zeitlos auf die Bühne. Er hat dafür die Übersetzung von Angelika Gundlach bis auf die wesentlichen Figuren und Dialoge zusammengestrichen: eine kompakte und konsequente 90 Minuten-Vorstellung; in der sich das Ensemble ganz auf die filigran mehrdimensionale Figurendarstellung konzentriert, ohne viel erklären zu wollen.Vor allem Hedda Gabler wird in ihrer ganzen komplexen, mehrdeutigen und rätselhaften Natur belassen und findet in Jessica Higgins eine sehr schillernde Verkörperung, die mit all ihrer kantigen Verdrehtheit und ihren doppelbödigen Aktionen nicht nur die Zuschauer irritiert. Schon ganz am Anfang balanciert sie auf der. Kante ihres kreisrunden Gefängnisses: eine unheimliche Arena aus Transparenz und bürgerlicher Verpolsterung in depressionsfördernden Farben (Ausstattung: Max Julian Otto).
Higgins gibt eine kühle und distanzierte Beobachterin, die sich das Image der abgebrühten Unberührbaren zugelegthat und dabei gerne mal mit ihren Pistolen herumballert. Bei Umarmungen bürstet sie ihre Gegner vor lauter Zärtlichkeit regelrecht ab, bevor sie sie mit zwei, drei gezielten Fragen abscannt, analysiert und manipuliert, während sie von ihrem eigenen Leben und ihrer Schwangerschaft nichts preisgeben will. Vielleicht ist sie zu intelligent oder auch nur zu kontrolliert erzogen, um sich in ein "echtes" Leben zu stürzen, sofern es das überhaupt gibt.
Mit ihren subtilen Manövern bringt sie - bewusst oder unbg,*, wusst - eine ganze Lawine ins Rollen, mit der sie sich konsequenterweise letztlich selbst zerstört - aus einer ganzen Reihe von Gründen: Neid, Spielsucht, Langeweile, Machtgier, Verdrängung, Überforderung mit sich selbst oder einfach, weil sie dazu in der Lage ist- vermutlich weiß sie es selbst nicht. Hedda versteckt sich immer wieder gekonnt hinter der Wahrheit, und Jessica Higgins hinter einem abgründig leeren Blick. Da ist für Danny Exnar als ihr gewissenhafter Mann Jorgen natürlich schon längst kein Beikommen mehr, was er konsequent ignoriert, während er tapfer seine spießigen Hausschuhe zur Schau trägt. Aufgrund seiner hier dezent gesetzten Phrasen gerät er nicht zur Karikatur, sondern durch das Auftauchen des Konkurrenten und genialen_ Trinkers Levborg in nervöse Existenzangst, und am Ende wird er zu einem Gewinner mit schlechtem Gewissen.

Gotthard Sinn wiederum repräsentiert als flotter Richter Brack die heuchlerische Gesellschaft in sehr spitzfindigem Ton, während Martin Maria Eschenbach den schon leicht angerissenen Lovborg als einen phlegmatischen, aufbrausenden und nicht einmal besonders sympathischen genialen Looser zeigt, der es nicht einmal schafft, sich in der von Hedda geforderten "Schönheit" heldenhaft und formvollendet in die Schläfen zu schießen. Zuvor versucht er sich noch einmal mit Thea an einem Lebens-, Liebes- und Karriere-Erfolgsmodell, benötigt zum fundamentalen Scheitern aber letztlich nur einen kleinen Schubser von Hedda. Silvia Pfändner wiederum als seine Geliebte gibt immer alles. Ihre Thea ist vielleicht ein wenig naiv, nimmt sich aber im Gegensatz zu Hedda immer die Freiheit, die .Konventionen zu sprengen und das Beste aus jeder Situation zu machen, weshalb sie sich auch in der Liebe als höchst flexibel erweist.

Reutlinger Nachrichten, 13. Oktober 2008


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