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Premiere
22. Februar 2008

Anton Tschechow

Der Waldschrat


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Grillparty mit Wahnwitz
Ralf Siebelt inszeniert Tschechows frühe Komödie "Der Waldschrat" am LTT

"Raus hier, nichts wie weg": Im "Waldschrat" macht man sich das Leben gegenseitig zur Hölle, aber auf unterhaltsame Weise. Ralf Siebelt inszeniert eine schrecklich lustige Grillparty, der keiner entkommt

Das ist "Krieg - aller gegen alle", diagnostiziert Elena im "Waldschrat". Anton Tschechow hat diese Komödie von 1889 zehn Jahre später zum wesentlich bekannteren ,,Onkel Wanja" verarbeitet. Russland-Experte Ralf Siebelt zog aber die frühe, "frechere und anarchistischere" Variante vor: eine gute Wahl! Denn im "Waldschrat" zeichnet Tschechow ein vielschichtiges, bei aller Tragik sehr lustiges, am Ende gar nicht mal so pessimistisches Soziogramm.
Dabei lässt er jede Menge schrulliger Typen aufeinander los, die mehr oder weniger frustriert vom russischen Landleben eine herzlich gelangweilte geschlossene Gesellschaft bilden. Ein Käfig voller komischer Vögel, die sich hassen, lieben, sticheln, aufeinander herumhacken und sich wieder in die Arme fal-len - bevor alles wieder von vorne los geht, auch wenn dazwischen mal einer draufgeht. "Ich langweile mich vor lauter Glück", jammert Sonja programmatisch ambivalent.
LTT-Regisseur Ralf Siebelt feiert kräftig mit und lädt mit viel Wodka, Würstchen und Küsschen zur knackigen Grillparty. Amüsiert geht die Welt zugrunde, und auch Siebelts wahnwitzige Feier ist keine Minute langweilig. Das liegt auch am prächtig aufgelegten Ensemble, das mit sehr viel Feingefühl und Sinn für abgründigen Humor spielt.
Ihre Vögelchen auf Sommerfrische sind alle unheimlich mit sich selbst und ihrem tragischen Schicksal beschäftigt, selbstmitleidig, des Lebens überdrüssig und trotzdem lebensgierig. Beim allgemeinen Wettkampf der Eitel- und Garstigkeiten interessiert sich derweil niemand für die zwei Oberlangweiler Julia - Silvia Pfändner als junge, grundsolide und fleißige Amsel - und Leonid, ihren Bruder: Christian Drägers unbeachtetes Mauerblümchen darf im Stück nur ein kurzes Mal erblühen, bevor es wieder gnadenlos zertreten wird. Und das, obwohl es eigentlich seine Geburtstagparty ist, auf der sich alle schrecklich amüsieren.
Bühnenbildnerin Marion Eiselé hat sie liebevoll mit Kunstrasen, Klappstühlchen, Elektrogrill und einer ganzen Wand aus Luftschlangen ausgestattet, die sich später zu einem heruntergekommenen Wintergarten mit verrosteter Plastikwand lichten, von den Schauspielern mit Paketklebeband gekittet. In dieser Bruchbude residiert Hubert Harzer als alter, hypochondrischer, arroganter Professor, der in einem Haufen alter Zeitungen liegt und mit seinem Schicksal hadert, das ihn zum Landleben zwingt.
Er terrorisiert deshalb seine ungebildete Entourage, die sich für ihn aufopfert und dabei selbst nicht zum Leben kommt. Was sie ihn allerdings auch deutlich spüren lässt. In einem verzweifelten Anfall von Aktionismus will er sein Gut verkaufen, das ihm allerdings gar nicht gehört, wie Udo Rau als sein Schwager Georg weiß. Georgs ätzender Zynismus schlägt zu diesem Zeitpunkt schon um in pure Verzweiflung.
Alles eskaliert, bis ein Schuss fällt. Gotthard Sinn wiederum klatscht als Freund des Hauses zu allem entzückt Beifall, während Wenzel Banneyer als dessen Sohn den großspurigen Gockel markiert, wenn er nicht gerade mal wieder als toter Vogel gegen die Wand klatscht. Karlheinz Schmitts "Waffelgesicht" muss als Gruppenidiot herhalten, der mit seinem blassblauen Dress samt Schal durch die Gegend flattert und sich mit seinen gestelzt poetischen Monologen gegen alle Gehässigkeiten wehrt. Sein Gegenstück Leif Stawski als kerniger Waldschrat ist der edle Adler unter den Geiern: ein Idealist und Naturschützer, aber leider Einzelkämpfer und seiner Zeit weit voraus.
Und während sich die Herren gegenseitig lustvoll bekriegen, sind die Damen eifrig auf Harmonie bedacht. Die junge Professorengattin Elena (Ina Fritsche) sorgt mit ihrer trägen Schönheit für viel Aufregung, während sich Hildegard Meier als Pseudo-Intellektuelle mit Betonfrisur in ihre Aufsätzen verkriecht. Und Sonja (Annabelle Leip) verliebt sich wahrscheinlich nur deshalb in den Waldschrat, weil eben kein anderer da ist.

Reutlinger Nachrichten, 25. Februar 2008


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