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Premiere
22. Februar 2008

Anton Tschechow

Der Waldschrat


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Purer Wanjalismus
Girlande statt Landlebensleere: Tschechows "Waldschrat" am LTT

Abwarten und Tee trinken: Das war lange genug die Devise, mit der Anton Tschechows verarmender Landadel samt vor sich hinkümmernder Intelligenzia in den vorrevolutionären Ruhestand geschickt wurde. So glaubte das Theater am besten die rastlose Leere dieser zeitgemäßen Befindlichkeit zu fassen, wie sie die - nicht nur russische - Seele widerspiegelt. Trostlose Elegiker und Lethargiker, die um so närrischer das umgebende Vakuum mit Sätzen und Versprechen füllten. Dazu womöglich noch ein dekoratives naturbelassenes Birkenwäldchen auf der Bühne, und auch jener teure Kirschgarten im Sinn, den der böse Fortschritt niederzumachen droht.
Verpfuschtes Leben, Müßiggang, der Laster Anfang, gepflegte kleine Fluchten in Suff und Zynismen: All das findet sich eben auch in Tschechows landläufiger Tragikomödie "Onkel Wanja", in der ein glückloser Gutsverwalter mit den Umständen hadert, die ihm lauter unkommode Leute zuführen, während die verehrte, begehrte Professorengattin unerreichbar bleibt. Es gipfelt in einem lächerlich nüsslingenden Attentat, es ändert sonst aber herzlich wenig.
Wenn das LTT heute kein Stück namens "Onkel Wanja" spielt, sondern eines, das "Waldschrat" heißt, dann ist da natürlich jede Menge "Onkel Wanja" drin. Das urwüchsige Lodenmäntelchen, das Ralf Siebelt mit einer "Tübinger Fassung" aus der erfolglosen Vorläuferversion dem etwas graumelierten Tschechow-Klassiker umhängt, lässt diesen sogar wieder farbiger erscheinen. Vornehmlich grün, und zwar aus Gesinnung, Hoffnung und per Kunstrasen. Dieser "Waldschrat" aus den frühen Ursprüngen heraus ist tatsächlich ein ansehnlicher Neuansatz.

Auch mal sauer
Was ist so entschieden anders an dieser "Wanja"-Variante? Erstens zielt Guts-Onkel Wanja (der hier allerdings "Neffe Egor" heißen müsste) keineswegs daneben, und auch nicht auf den verhassten Professor. Er erschießt sich selbst, wie Kostja in Tschechows "Möwe", was der Handlung eine etwas andere, aber gar nicht einmal tragischere Wendung gibt. Zweitens begnügt sich Tschechows Ur-"Wanja" noch nicht mit einem open end, sondern traut sich sogar ein happy end: Mit Versöhnung, Vermählung, allseitige Umarmung.
Und drittens? Das Stück gewinnt tatsächlich an Schärfe, Schroffheit und satirischer Zuspitzung, wie es der Bearbeiter und Regisseur Siebelt versprach. Kaum weichgezeichnete Stimmungen mehr, dafür pralle, überzeichnende Typisierung und ein ansatzweise sezierend inszenierender Blick: Siebelt scheut da auch nicht die Karikatur. Und manchmal schwätzen sie bei ihm ganz untschechowmäßig, wie ihnen halt der Grünschnabel gewachsen ist: "Jetzt ist er sauer", schwant beispielsweise Sonja, kaum dass der geliebte Öko-Doktor, der "Waldschrat", sie schnöde stehen lässt.
Dieser Landarzt, den der Titel zur Hauptperson erklärt, mag zwar für die Grünen-Hochburg Tübingen der rechte Mensch am rechten Fleck sein: Ein Öko-Radikaler, der düstere Prophezeiungen zum IGimawandel ausstößt, aber doch auch ein Bäumchen dagegen pflanzt. Dass grün sexy macht, erfährt dieser sonst eher humorlose Zeitgenosse am eigenen Leib - sämtliche Frauenherzen fliegen ihm mehr oder minder verschämt zu. Leif Stawski gibt diesen lauteren Vorläufer des "Wanja"-Medizynikers Astrow mit kehligem Furor; als einen gefühlsechten Außenseiter und letzten Aufrechten.

Die Sommerzaungäste
Selbst diese verzweifelnden Tschechow-Figuren sehen aber den Wald vor lauter Träumen nicht. Und auch nicht vor lauter Feier-Glück: Eine bunte Girlandengardine verhüllt den Blick in die Ferne, GriTlduft zieht durchs LTTParkett, man wedelt mit der Roten und zieht über Abwesende her ("kleines fettes Würstchen"). Die Korken knallen und die Tassen fliegen hoch, denn Geburtstagskind Zeltuchin gibt eine Gartenparty.
Dieser Zeltuchin wird am Ende übrig bleiben, wenn das Stück wieder alle zu Paaren getrieben hat - ein armer Tropf, der schon beim geselligen Geburtstags-Toast merkwürdig abseits steht, um das fröhlich "Hoch" auf sich nur verhalten zu echoen. Verklemmt und gehemmt spielt Christian Dräger diesen gutwilligen Sommerfrischling, der beinahe sogar zur Glückseligkeit gelangt. Eben nur beinahe.
Gutsverwalter Egor, der spätere Wanja, bleibt aber doch die unumschränkte Hauptfigur auch in dieser Inszenierung, zumindest ihr Zentrum. Mit Udo Rau ist er ein Lästermaulheld aus Überdruss; einer, der sich mit der Wort-Waffe all die überflüssigen Mitmenschen vom Leib hält, bis eben diese Waffe gleich zwei Mal ihren Dienst versagt - gegenüber der Frau, die er vergebens liebt, und gegenüber ihrem Gatten, der ihn um seine Existenz zu bringen droht.
Egor ist der einzig konsequent Handelnde, der lebensmild Mutige unter lauter Wehmütigen. Die anderen toben oder verzagen, leiden beredt oder still: Wenzel Banneyers ungehobeltes, polternd viriles Provinzrauhbein, Gotthard Sinns darob vor Vaterstolz schier platzender Erzeuger, Silvia Pfändners bodenständig realistisch verträumte Julia und Karlheinz Schmitts gespreizt tänzelnder Sonmerzaungast, wie er im Verlauf immer mehr zu einer Art russifiziertem Bruce Darnell mutiert.
Das sind alles mehr oder weniger scharf gezeichnete Randfiguren. Nach der Pause scheint die Party vorüber, Marion Eiseies Bühne zeigt inzwischen die vergammelte Wand eines Gewächshauses oder Wintergartens, notdürftig zusammengehalten und wenig heimelig. Die umworbene Elena hat ihren wehleidigen, aufgeblasenen, hochfahrenden (und mit Hubert Harzer auch etwas hochquadfliegenden) Professor-Gatten verdientermaßen verlassen und ist untergetaucht. Ina Fritsche spielt die all ihrer Illusionen beraubte Elena aus einem nervösen, kapriziösen Gefühl heraus, die sie umfangenden Blicke und Annäherungen sind ihr nicht nur unangenehm, sie flirtet und setzt doch selbstsicher Grenzen. Kurzum: Sie verhält sich, als habe sie Tschechows Notizen gelesen und auch begriffen ("Wenn Sie die Einsamkeit fürchten, heiraten Sie nicht!").
Eine starke Partie liefert auch Annabelle Leip als Professorentöchterlein Sofia ab: Zuerst ein ungehaltener Backfisch mit dauerumwölkter Miene, doch mehr und mehr mit den Gefühlen und um die Liebe kämpfend. Das Stück gestattet ihr diesmal sogar den scheinbar glücklichen (Komödien-)Schluss.
"Der Waldschrat" am LTT, ein Fall von purem vitalisierendem Wanjalismus: Munter wird da einiges auf- und durcheinandergewirbelt. Tschechows mitunter früh verwaiste und vergreiste Figuren - sie erwachen unversehens zu neuem Leben. Nach Moskau? Mag sein, aber da ist wirklich was los.


Unterm Strich:
So haben wir unseren guten alten "Onkel Wanja" noch nie gesehen! Dieser ganze übliche und absichtliche Leerlauf, diese Langeweile, sie wurden diesem Drama aber so was von radikal ausgetrieben. So macht Tschechow eben: Spaß.

Schwäbisches Tagblatt, 25. Februar 2008


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