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Premiere
23. Februar 2007

Händl Klaus

Dunkel lockende Welt


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Esslinger Zeitung

28. Februar 2007
Stuttgarter Nachrichten

26. Februar 2007
Reutlinger General-Anzeiger

26. Februar 2007
Reutlinger Nachrichten

26. Februar 2007
Schwäbisches Tagblatt


Ein Todesreigen. Tragisch! Voller Witz!
„Dunkel lockende Welt" von Händl Klaus – Simone Sterr inszeniert einen skurrilen Krimi

Sterben auf Probe: Intendantin Simone Sterr inszeniert die "Dunkel lockende Welt", das neue Stück von Händl Klaus ("Dramatiker des Jahres 2006"), auf der oberen Bühne des LTT: Als löchrigen, skurrilen, leicht durchgeknallten Reigen aus Krimi, Slapstick und Komödie.

In einem dreidimensionalen Wohnungsplan treffen sich Dr. Corinna Schneider und ihr Vermieter Joachim Hufschmied, der anscheinend kürzlich seine Mutter verloren hat, zur Wohnungsübergabe. Angeregt plaudert man über das Leben, den Tod und Begräbnisrituale und spielt kommunikatives Ringelreihen, bis Joachim plötzlich eine abgetrennte menschliche Zehe findet - offenbar eine Hinterlassenschaft von Corinnas schon länger von der Bildfläche verschwundenem Freund.
Im nächsten Akt ist sie bei ihrer Mutter, die nichts als Botanik auf ihrem Balkon und Photosynthese im Kopf hat. Als Corinna endlich zu Wort kommt, bittet sie ihre Mutter wegen der verdächtigen Zehe um Hilfe. Diese reist dann zum Ex-Vermieter, in dessen Haus sich zwecks Umbau- und "Aufräum"-Maßnahmen mittlerweile große Löcher auftun, und erzählt ihm etwas vom angeblichen Unfalltod ihrer Tochter.
Händl Klaus lässt seine Figuren ständig etwas andeuten, aber nichts wird zu Ende erzählt. Widersprüche drehen sich im Kreis, Motive tauchen auf und wieder ab, Figurenkonstrukte, Beziehungen und deren mögliches Ableben werden angespielt und durchprobiert. Aber je mehr erzählt wird, desto mehr wird verdeckt. In fragmentierten Dialogen, fossilen Phrasen und bedeutungsschwangeren Denkspielchen kommt der Sinn - und geht, wie er gerade lustig ist. Ab und zu tut sich ein kleines, menschliches, im dritten Akt sogar tatsächliches Kräterchen auf, das aber sofort wieder zugestopft wird.
Und hin und wieder verirrt sich auch ein Fremdtext ins Stück, etwa von Barthes, Foucault oder Tanja Blixens "Jenseits von Afrika", dessen eigentlicher Buchtitel "Dunkel lockende Welt", die der recht wankelmütige Joachim Hufschmied "tragisch! voller Witz!" findet, dem Stück seinen vielsagenden Titel gibt. Beim Zuschauer setzen die skurrilen und lückenvollen Dialoge natürlich üppige Lacher, wilde Spekulationen und wirre Denkübungen frei. Es gibt "kein Denken ohne den Tod", hilft hier Hufschmied weiter. Und weil sowieso alles nicht so ganz sinnig und am Ende gar kathartisch daherkommt, hat sich Simone Sterr für eine sehr unterhaltsame Radikalperformance entschieden.
Sie lässt die famosen Schauspieler zwischen Pflanzenkübeln, Müllsäcken und Schlaufen, in die sie sich hineinhängen wie die armen Affen im Zoo (Bühne: Gitti Scherer), so gut wie alles Gesagte hochtheatralisch übertreiben, parodieren oder ins Gegenteil verkehren. Dadurch wird die teils ja auch gewollte Unzulänglichkeit der Kommunikation noch stärker hervorgehoben.
Am dollsten treibt es dabei Udo Rau, dessen eventuelle Trauer beschwingt, dessen Einsamkeit schwärmerisch und dessen Sterben-auf-Zeit-Sehnsucht ziemlich euphorisch daherkommt, wenn er nicht gerade seinen Kopf in den Putzeimer steckt oder als verklemmtes, charmant bedrohliches Muttersöhnchen und Phrasendrescherchen von heftigen Allergie- und Krampfattacken heimgesucht wird. Und dabei überschreitet er immer wieder ungebremst die Grenze zum Slapstick und skurrilem Klamauk.

Photosynthese-Rap
Daniela Keckeis' leicht zwanghaft-putzige Corinna überspielt auf sehr überspitzte Weise den auf ihr ruhenden Verdacht. Die akademische Mutter-Tochter-Beziehung zeichnet sich nicht gerade durch eine erfolgreiche Kommunikation aus. Und so kommt Corinna bei der ungefähr 20-minütigen, perfekt musikalisch-rhythmisch-rhetorisch durchgestylten Photosynthese Rap-Arie ("Arrangement": Edgar Mann) nur zu Wort, wenn sie sich in den Wortwasserfall, den sie schon auswendig kennt (und mit dem Katja Gaudard ihren großen Auftrit hat), mit einklinkt.
Deshalb verlegt sie sich liebre aufs Schriftliche und menetekelt in blutigen Worten den Refrain des Stücks "Ich möchte gern ein finnisches Eidechslein sein" an die Glaswand. Zu dessen vorteilhaften Eigenschaften gehört es nämlich, den nordischen Winter in komplett gefrorenem Zustand über-"leben" zu können - nur vorübergehend mal sterben also.

Reutlinger Nachrichten, 26. Februar 2007


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