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Premiere
23. Februar 2007

Händl Klaus

Dunkel lockende Welt


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Schwäbisches Tagblatt


Ein Leuchtendbraun mit Rotreflexen
Fremd, rätselhaft, komisch, mit Krimi-Elementen: Am LTT hatte Händl Klaus’ „Dunkel lockende Welt“ Premiere

"Hier hing eine Maske aus Peru. Dort fing es an mit uns", sagt die ausziehende Corinna, in ihrer leeren Wohnung stehend, sich an die erste Liebe mit Herrn Tobler erinnernd. Alles begann, alles beginnt mit einer Maske.
Im griechischen Theater hieß die Maske, die die Schauspieler trugen "Persona", vom lateinischen "personare": "durchtönen". Im Französischen betont das Wort "personne" die Abwesenheit: "niemand". Im Deutschen wird damit eher die Identität einer Existenz, ihre Anwesenheit betont: "Person". Das Wort ist also genauso ambivalent wie die Maske, die die Anwesenheit von Abwesendem "durchtönen" lässt. Es kommt nur darauf an, was von beidem mehr empfunden wird. In Händl Klaus' Stück "Dunkel lockende Welt" gibt es gleich drei Figuren, die von Anfang an weg sind oder im Lauf des Stücks verschwinden. Sie tönen ziemlich durch.

Mit dem Rücken zur Wand
"Dunkel lockende Welt" ist ein Lückenstück, ein Lügenstück. Und es ist ziemlich heiter, heiter und harmlos, so sehr, dass es auf der Stelle gefährlich nachdunkelt. Drei Personen auf der kleinsten LTT-Bühne, wo Gitti Scherer ihnen Boden und Wände als Grundrisszeichnungen "Wohnen-Schlafen-Bad-Veranda" eingerichtet hat, ein in die Vertikale erweiter Raum, in dem man auch mal turnt und schwer in den Seilen hängt: Zivilisierte Primaten.
Hier staksen Corinna Schneider und Joachim Hufschmied umeinander und um den abwesenden Marcel Tobler herum, linkisch, lauernd, begehrend, werbend, abwehrend neugierig, in ausgesuchter Höflichkeit, äußerst distanziert, im nächsten Moment überaus intim. Sprunghaft und anfallartig geschieht hier alles, Scham und Gier durchbrechen ab und an das peinliche Gestotter eines verblasenen Konversationstons. Im Prinzip ein einziges großes Pas de deux einer fremd anmutenden Komödie.
Regisseurin Simone Sterr setzt das mit vielen abrupten Wechseln um, aber immer weit weg von jedem Naturalismus, sehr künstlich. Lässt Corinna auf Joachim los, mit einem Messer, das dann nur zum Reinigen seiner Stiefel verwendet wird. Hetzt Joachim auf Corinna, sie mit dem Rücken zur Wand. Wo sie in diesem Moment auch im sprichwörtlichen Sinn steht, denn eben hat sie sich verplappert, eben hat Joachim den ersten Verdacht geschöpft, der sich später erhärtet, als er einen kleinen Zeh findet (und als Beweismittel vorsorglich einsteckt): Er könnte von Herrn Tobler stammen.
Daniela Keckeis als Corinna, mit den tonlosen, panisch kurzatmigen Repliken einer in die Ecke Getriebenen, die das Gesprächsthema so schnell wie möglich wechseln will, dann wieder mit knisternd aufgeladenen Flirt-Avancen, säuerlicher Genervtheit und Wissensprahlerei: Eine eindrückliche Figur, wie jener Herr Hufschmied, ein falscher Geselle, den Udo Rau in einer Mischung aus Zudringlichkeit, Weltläufigkeit und serviler Penetranz gibt. So einer beschlägt nachts dem Teufel die Hufe. Warum schwärmt er so dermaßen für Herrn Tobler? Und was ist Corinnas Geheimnis? Hat sie Marcel Tobler umgebracht? Und was ist drin in jenen Tropfen, die sie dem Allergiker Joachim als homöopathische Medizin aufdrängt?

Nicht ohne meine Mutter
An dieser Stelle wäre im Fernsehen eine Werbepause. Wir sind aber nicht im Fernsehen, die Inszenierung hat keine Pause und die Krimi-Motive sind auch nur ein Strang dieses Stücks. Man muss schon sprach- und kunstverliebt sein, vernarrt in subtil verquere Dialoge und charmante Albernheiten, um es goutieren zu können. Wenn Corinna erzählt, dass in Lappland acht Monate hindurch "der läppische Schnee" liegt und Joachim verbessert: "Der lappländische", wenn Joachim den großartigen Satz "Ich wäre ohne meine Mutter gar nicht da" sagt, wenn Regisseurin Simone Sterr ihre Protagonisten beim Wort "Hirsch" in einen blöden Sekundenglückstaumel mit Zeigerfinger-Hörnchen ausbrechen lässt, sind wir kurzzeitig irgendwo zwischen Loriot und Marthaler. Das macht Spaß. Und es ist gut, dass es nur selten so albern zugeht.
Der Text dieses Stücks ist eine große Partitur, die ihren Figuren aus Rhythmus- und Taktgründen an unzähligen Stellen auch nur ein eingeschobenes "Ja" auferlegt, die Kleinstform einer sprachlichen Verbindung, Mini-Zäsur oder, auch da: Lücke. Am Ende des Stücks gibt es sogar einen Dialog aus sechzehn hintereinander geschalteten, auf zwei Personen aufgeteilten "Jas". Natürlich geht es da (auch) um Sex.

Binnenglück vor Blattgrün

Die sechzehn "Jas" sind eine schöne Zumutung, erst recht das gesamte zweite Bild. Denn da hält Mechthild, Corinnas Mutter, ihrer Tochter einen Vortrag über Photosynthese, eine halbe Stunde lang nichts als ein mit Fremdwörtern gespickter wissenschaftlicher Vortrag als Bühnenmonolog, einer dadaistischen Performance würdig. Katja Gaudards großartige Mechthild doziert, singt, flüstert, schwärmt, fegt drüber hinweg, memoriert, lobpreist. Ein Schlummerlied, eine vegetative Lebensrückversicherung, ein durch Wissenschaft kompensiertes Lebensproblem, das sich die Inszenierung zum gewaltigen künstlerischen Formproblem macht und in einer ganzen Palette von Sprechweisen erprobt. Trotzdem geht der Inszenierung an dieser Stelle beinahe die Luft aus.
Aber nur beinahe. In diesem wohligen Bad, diesem Binnenglück vor Blattgrün, ist das Leben still gestellt, aufgehoben und gerade deswegen intensiv wie in der Arbeit, der Kunst, der Liebe, dem Schlaf. Mechthild und Corinna sind jetzt - das ganze Stück ist eine ständige Motivquerverweisung - die weiter vorn im Stück zitierten finnischen Eidechsen im Winterschlaf. Goldrichtig schreibt Corinna in dieser Szene "Ich möchte ein finnisches Eidechslein sein" ans Fenster vor der Veranda. Im Schlussbild mit den erwähnten sechzehn "Jas" erfährt dieser Zustand dann eine Reprise, im sonnengebadeten "petit mort" zwischen Mechthild und Joachim. Aber auch die finnischen Eidechslein müssen irgendwann wieder aufwachen. Da war doch was: Der Zeh! Mutter Mechthild wird beauftragt, das Corpus Delicti von Corinnas ehemaligem Vermieter Joachim zu holen. Der baut gerade das Haus um, schmale Pfade, doppelte oder fehlende Böden, ständige Absturzgefahr, auch zwischen diesen multipel lesbaren, Sinn, Subsinn und Nebensinn evozierenden Dialogsätzen, jeder ein Abgründlein, es schwindelt einem, wenn man hinab sieht. Mechthild: "Oh, es wankt." Joachim: "Sie täuschen sich, hoffentlich," Mechthild: "hält es," Joachim: "nicht. Gehen Sie bitte zurück." Wir halten fest: Da steckt ein "hoffentlich hält es" drin und auch ein "hoffentlich hält es nicht", ein "Sie täuschen sich", aber auch ein "Sie täuschen sich hoffentlich", die Frage "Hält es?" und die Antwort "nicht", und das "nicht" ist auch wieder lesbar als Kurzformel für: "Gehen Sie bitte zurück"

Dunkel lockendes Anklopfen
Diese verschiedenen Ebenen so mithörbar zu machen, gelingt der Inszenierung nicht immer. Auch hat man mitunter den Eindruck, dass sie den kleinen Zehen beziehungsweise die Spannung und Ungeheuerlichkeit, die er motiviert, unterwegs etwas aus den Augen verliert. Der Theaterzuschauer, der die kleinen Hinweise nicht registriert, wird in dieser Inszenierung beispielsweise nicht kapieren, dass jene "Karotte", auf der ein Kater im dritten Bild herumkaut, wieder Herr Toblers Zeh sein könnte. Und er wird wahrscheinlich auch kein Blut in der Badewanne wahrnehmen. Händl Klaus präsentiert uns zwar auch keines, aber er lässt Corinna die Haare in der Wanne tönen, Farbe: "ein Leuchtendbraun, im Abendlicht, mit Rotreflexen": Da ist es, das Blut. Mit solchen Details darf man zwar nicht hausieren gehen, sie aber auch nicht unter Wert verkaufen.
Dafür treibt Simone Sterrs Inszenierung hübschen Schabernack mit einem Putzeimer, verwandelt am Ende die Bühne via Entrümpelungswut in eine Kissenlandschaft aus Müllsä-cken, ersetzt den Text phasenweise durch ein Tonband, und auch das Pingpong der Sätze flutscht zwischen präzise gesetzten Schritten: Die schräge, verkrampfte Leichtigkeit samt obendrauf gepackter Spezialspasmen gelingt am LTT besser als die Auslotung und Füllung der so mitproduzierten Schattenwelt aus Fremdheit und Geheimnis. Trotzdem gehört diese Inszenierung eindeutig zu den gelungenen Würfen am Haus.
Im letzten Akt tauchen neue Fragen auf: Ist Corinna Mechthilds und Joachims Tochter? Warum sprechen beide jetzt so schlecht über Marcel Tobler? Wo ist die geheime Verbindungzwischen der Maske aus Peru und dem Zehen, mit denen ja alles begann, und die am Ende beide fehlen? Ist Corinna wirklich tot?
Darauf muss sich jeder selbst einen Reim machen. Auch Händl Klaus macht sich einen, reimt, ein rechter Zauberlehrling, "Besen" auf "gewesen", setzt dann ein "ein" vor ein "Herein", dem letzten Wort des Abends. Vielleicht war das ganze Stück ja ein Anklopfen, dunkel, lockend, und wenn auf dieses finale "Herein" hin die Tür aufgeht -
Aber das Stück ist aus.

Schwäbisches Tagblatt, 26. Februar 2007


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