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Premiere
13. Oktober 2006

Johann Wolfgang von Goethe

Iphigenie auf Tauris


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Gefühls-Chaos auf dem Kunstrasen-Geviert
Junge Wilde und eine starke Frau in der LTT-Inszenierung von Goethes Klassiker "Iphigenie auf Tauris"

Es ist ein bewegender Schluss. Iphigenie hat gerade den Taurier-König Thoas dazu überredet, sie mit ihrem Bruder Orest und dessen Freund Pylades heim nach Griechenland ziehen zu lassen. Sie geht, doch sie kehrt wieder und sie wirft sich Thoas in die Arme. Der Schluss lässt Interpretationen offen. Zeigt Iphigenie nur noch einmal ihre Dankbarkeit, ihre Zuneigung oder bleibt sie gar bei Thoas? Die Antwort bleibt dem Zuschauer überlassen. [...] Orest (Urs Rechn) und Pylades (Danny Exnar) sind zwei jungenhafte Unruhegeister, die nur wenig Konturen zeigen. Die hat dagegen Iphigenie (Anne Schäfer) mit jeder Minute mehr. Sie hält Fäden und Spiel in der Hand, bringt viel Gefühl in die harsche und gewaltbereite Männerwelt und manövriert schließlich die beiden Rivalen Thoas und Orest sicher ins gute Ende. Wenn der Dreikampf ausartet, mit Pistolengefuchtel und männlicher Balzetei, steuert Regisseur Nerlich mit Humor dagegen. Dann übernimmt Iphigenie die Handlung in beide Revolverhände und bringt die Streitenden auf komische Weise zur Räson. [...] Auch sonst hat Nerlich die Iphigenie in die Gegenwart gezogen. Die Akteure sind durchgängig modern gekleidet: Thoas im Nadelstreifen-Anzug, Orest und Pylades im Schlabber-Look und der Thoas-Getreue Arkas (Hubert Harzer) mit dunkler Allzweck-Jacke. Nur Iphigenie fällt mit ihrer feierlich-jungfernhaften, weißen Hülle etwas aus dem Rahmen.
Die Bühne von Gisela Goerttler ist auf das Notwendigste beschränkt. Thoas und Iphigenie leben hinter einer hohen, schwarzen Mauer, die von den beiden gestrandeten Griechen ab und an mit einer Leiter überstiegen wird. In die schwarze Spielfläche ist ein grünes Kunstrasen-Quadrat eingelassen, das samt stilisiertem Baum die taurische Außenwelt und Iphigenies Handlungshorizont widerspiegelt.
Aber die Taurier sind noch schauriger. Auf der schwarzen Wand prangt ein mit Kreide gezeichneter menschlicher Umriss, der voller Einschusslöcher ist. Da sieht man, was Fremden blüht, wenn sie ungebeten ins Taurier-Land kommen.
Im grünen Geviert spielen sich die Emotionen ab. Anne Schäfer lässt hier sehr einfühlsam die innere Zerrissenheit von Iphigenie erkennen, einer zerbrechlich wirkenden Frau, die im rechten Moment auch Stärke zeigt. Sie hat wesentlich mehr Variationen parat, als die fast nur geradlinig agierenden Männer.
Die Goethe'schen Blankverse wirken anfangs im modernen Ambiente der LTT-Inszenierung eher als Fremdkörper. [...] Erst als Iphigenie in die innere Krise gerät, als sie schwankt zwischen Dankbarkeit für ihren Lebensretter Thoas, zwischen Lüge, Vertrauensbruch und Bekenntnis zum eigenen Leben, da werden Sprache und Spiel zur Einheit. In diesen Momenten hat die Inszenierung des Landestheaters ihre stärkste Phase.
Am Ende siegt das Göttliche, Wahre und Reine im Menschen und die Gefühlswelt ist wieder in Ordnung. Dies war auch beim Premierenpublikum der Fall, das die LTT-Version von Goethes "Iphigenie auf Tauris" mit viel Beifall und Bravo-Rufen, vor allem für Hauptdarstellerin Anne Schäfer, belohnte.

Reutlinger General-Anzeiger, 16. Oktober 2006


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