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Premiere
13. Oktober 2006

Johann Wolfgang von Goethe

Iphigenie auf Tauris


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Das Wort als Waffe einer Frau
Happyend im heiligen Hain: Goethes "Iphigenie" auf Tauris in einer sehenswerten LTT-Inszenierung

Da hätte Goethe eigentlich auch selbst drauf kommen können. Schließlich liebt das Mädel diesen schmucken Skytherbursehen doch warm und innig, und der erwidert ihre Gefühle. Warum also immer dieses hässliche Abschiednehmen, das keinem richtig gut tut? Warum nicht mal ein herzerfrischendes Happyend à la Hollywood? Schon Karl Kraus empfahl: "Soll einer hergehn und soll einmal das Schlusswort der Iphigenie stehlen: ,Lebt wohl!'"
Das Lebewohl, des Tauren letzter Seufzer, das versagt Alexander Nerlichs Inszenierung seinem Liebespaar Thoas und Iphigenie nach zweieinhalb Stunden zwar nicht so ganz. Aber Nerlich hat dann doch ein Einsehen: Kaum freigelassen, fliegt Iphigenie im Nu wieder herein und ihrem Thoas an den Hals. Ein schönes Paar. Gerührt applaudiert das Publikum und zweifelt kaum daran, dass Atridenfluch und Tantalusqualen jetzt endgültig der grauen Mythen-Vorzeit angehören.
[...] Die Himmelsmacht Liebe ist stärker als jeder Freiheitsdrang. Aber nur, sofern sie aus freien Stücken wählen kann. So gesehen ist diese "Iphigenie" auch ein Emanzipationsstück, dessen Kern in jenem großes Wort besteht, das Iphigenie gelassen ausspricht: "Ich bin so frei geboren als ein Mann."
"Iphigenie auf Tauris" ist als Goethes klassizistisches Coming-Out - und die Inszenierung hat das klug erkannt - ein fortwährender Waffengang. Die Waffengattung: das gesprochene Wort. Vor allen Thoas und Iphigenie ziehen flugs die Verse blank und hauen sich Sentenzen um die Ohren, die unbegrifflich und unangreifbar zugleich erscheinen, beinahe wie absolute Wortmetzmusik. [...]
Zuerst durchquert Anne Schäfer als Iphigenie die Bühnenbreite wie ein geschäftiges, aber noch nicht ganz angekommenes Erstsemester: Abgenabelt, aber desorientiert. Der Jüngling, der Iphigenie nahe rückt, der muss sie fast zwangsläufig verwirren: Kein älterer Herr, sondern ein Herrscher im besten Discoalter. Mit den Schauspielgast Atef Vogel ist dieser Thoas am LTT auch sehr kraftvoll besetzt: Ein mitunter finster blickender, emphatischer und impulsiv zorniger junger Mapn, wenn auch mehr im stylischen Barkeeper- als im Barbaren-Look, den zudem ein mächtiges Muskelstrang-Tattoo als rauflustigen Gesellen ausweist.
Die Aufführung nimmt erst die Fährte und dann Fahrt auf; im schnellen dialogischen Wechselspiel und gelegentlichen handgreiflichen Einlagen. Doch immer scheint das Wortgefecht im Vordergrund zu stehen, selbst wenn matt gefochten wird. Das LTT beherzigt Goethe, der das "reiche innere Leben", das dem "armen äußeren" gegenüberstehe, von den Schauspielern hervorgekehrt sehen möchte. [...]
Anne Schäfer ist eine ernste, auch ernsthaft genau und konzentriert sprechende Iphigenie; eine Tempelhüterin aus der Not und nicht aus Tugend oder gar aus Passion. Das weiße Priesterinnengewand trägt sie wie einen Schutzmantel, über die sie halbherzig den Reise-Anorak stülpt. Eine Zaudernde, die sich zunehmend der (Wort-)WahI der Waffen bewusst wird, die der peinigende urid reinigende Mut der Verzweiflung packt. Mit Danny Exnar als tatkräftigem, pragmatischem Pylades hat das LTT einen weiteren Produktionsgast eingekauft, und Hubert Harzer spielt den taurischen Helfershelfer Arkas als eine Art Sicherheitschef. [...]
Die Schlüsselszene, die schließlich die Verkettung der Umstände am besten zeigt, zeigt die handelnden Personen im wandernden Blickkontakt: Während Orest bei Thoas um freies Geleit bittet, schaut er ihn an; der wiederum sieht zu Iphigenie hinüber, die währenddessen zu ihren Bruder blickt: Das Verbindungsdreieck ist geschlossen, der Worte sind (fast) genug gewechselt. Iphigenie könnte gehen und tut es nicht. Sie hat heim gefunden.

Schwäbisches Tagblatt, 16. Oktober 2006


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