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Deutsche Erstaufführung
3. Oktober 2006

Simon Stephens

Am Strand der weiten Welt

Deutsch von Barbara Christ


Übersicht

7. Dezember 2006
Schwarzwälder Bote

7. Dezember 2006
Südkurier

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Stuttgarter Nachrichten

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11. Oktober 2006
Stuttgarter Zeitung

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Reutlinger General-Anzeiger

5. Oktober 2006
Reutlinger Nachrichten

5. Oktober 2006
Schwäbisches Tagblatt


Diese Sippe haftet besonders
Kein Entrinnen vor der lieben Familie: Simon Stephens' AM STRAND DER WEITEN WELT am LTT

Sie sind schon da. In Grüppchen lungern sie auf der nahezu kahlen LTT-Bühne herum, scherzen und schlendern, schlenkern mit den Armen oder nehmen sich auch mal traulich in dieselben. Für den Jugendtreff gleich um die Ecke sind einige der Herrschaften wohl eine Spur zu alt - und doch hat diese erste Szene, während das Publikum noch zu frischen Britpop-Klängen (The Rifles) die Plätze einnimmt, etwas Beruhigendes: Die dort auf dem Theater, die verstehen sich noch bestens.
Das wird sich in den nächsten zweidreiviertel Stunden notgedrungen ändern. Die Schauspieltruppe, wie sie sich gerade noch so demonstrativ verstehen und herzlich mögen durfte, muss nun betriebsbedingt einen Familienverbund darstellen, der sich zwar nicht die Köpfe einschlagen wird wie Kleists Familie Schroffenstein oder andere aufbrausende Blutsbanditen, der dafür in Auflösung begriffen scheint, um hinterher doch recht zäh und auf ewig zusammenzuklumpen.

Risse im Gefüge
Simon Stephens' preisgekröntes und hochgelobtes Stück "Am Strand der weiten Welt", das seit Dienstag am Landestheater auf dem Spielplan steht, spiegelt den unaufhaltsamen Zerfall solch einer Familienstruktur recht anschaulich wider, ohne ihn im gnädigen Nichts enden zu lassen. Drei Generationen Holmes mühen sich hier kreuz und quer miteinander ab, regen sich auf und wieder ab, kriegen und bekriegen sich: Wie das Leben so spielt.
(?) Enrico Lübbes Tübinger Inszenierung nimmt dieses dauerhafte Belauern schon mit ihrer Versuchsanordnung ausdrücklich auf: Die sparsame Schmalhans-Bühne (für die sich Hugo Gretler nennen lässt) wird zum steten Kampfplatz, zur gigantischen Iso-Matte, - von der sich die Mitspieler dann je nach Einsatz-Bedarf wieder zurückziehen, um drumherum oder im Hintergrund weiter zuzugucken. Es fehlt eigentlich nur das obligatorische Abklatsehen.
Damit löst Lübbe einerseits eine vorhandene Regieanweisung ein, andererseits modifiziert er diese noch ein wenig. "Das Leben, wie es die Stücke von Simon Stephens zeigen, geht über den Einzelnen hinweg", meinte Thomas Oberender in "Theater heute"; und dazu passend möchte Stephens, so steht's auch in seinen Erläuterungen zum Stück, einzelne Szenen über die unbeteiligten Mimen hinweg spielen lassen: Das Theater als offener Raum.

Nur eine Rolle
Wenn die Familienangehörigen in ihren Auszeiten zum Zuschauen an die Ränder der Welt verbannt werden, scheinen sie zurückgedrängt in ihre "natürliche", nämlich professionell unbeteiligte Schauspielerexistenz, und dann wird die Aufführung nicht nur übersichtlicher, sonder auch verständlicher. Sie macht immer auch klar: Ihr da drinnen im Carre, ihr im tief abgesenkten Rampenlicht, ihr spielt nur eine Rolle. Diese aber vor vielen Augen, nicht nur des Publikums; also eine viel konzentriertere.
Unter den künstlich erzeugten Edelcasting- oder Vorsprech-Bedingungen erwachen im beteiligten LTT-Ensemble ungeahnte Kräfte. Selten hat man es so präzise und punktgenau spielen sehen - kein Zweifel, Enrico Lübbe ist ein Schauspieler-Regisseur, der genau und gewinnbringend am Detail und am Potenzial feilen kann. Die Inszenierung hat zudem ein ideales Tempo und Timing; sie überstürzt nichts, sondern geht ruhig ihren Gang.
(?)

Das Tragische ist lächerlich
Das in eingängige Short Cuts portionierte Stephens-Stück bleibt dabei bei aller angespannter Seelenlage leicht und locker genug. Das vermeintlich Tragische zeigt sich mal wieder, ist oft lächerlich genug. Also kein strenges Exerzitium, sondern eine durchaus nicht komikfreie Verhaltensstudie. Vorneweg mit einem Hausherrn, der meistens sowieso nicht Herr im eigenen Haus sein darf: Marius Marx spielt diesen Peter Holmes als einen gutmenschelnden Unglücksrabenvater, als einen heillos überforderten Narren, den Idioten der Familie.
Peters Frau Alice droht mit Ulrike Euen dagegen immer mehr in aggressivem Dumpfbrüten mitrebellischen Anwandlungen zu versumpfen: Folge-Szenen einer Ehe. Kurz blüht die Hausfrau aber auf, kaum dass sieh ein Fremdling (Leif Stawski) für sie interessiert. Doch "Alm Stand der weiten Welt" ist auch ein Stück über verpasste Chancen. So fügt sich auch Aliee wieder ins familiäre Schicksal. Wie übrigens auch Peter, der von einer hochschwangeren Kundin (lna Fritsche) ein wenig versucht wird. Einige Personen, die in den Mikrokosmos der Familie Holmes geraten, werden entweder ausgespiehen (wie etwa Alex' Schulfreund Paul, den Wenzel Banneyer höchst virtuos als hyperaktives, nervöses Kicker-Leibchen unter Dauerstrom und High-Speed setzt) oder einverleibt (wie Alex' Freundin Sarah, mit Daniela Keckeis ein kesses, aber auch menschenkluges Girlie).

Großmaul und Greis
Das Brüderpaar ist ebenfalls intelligent besetzt: Johannes Schön spielt den jüngeren Christopher als ein dynamisch-sympathisches Großmaul, der in seiner kurzen verbleibenden Zeit die Kleinfamilie am gehörigsten aufmischt. Johannes Lehmann dagegen arbeitet das Verdruckste, Zaghaft-Schüchterne an dem erstgeborenen Alex bestens heraus, wie er mit seinen Entscheidungen zumindest vorübergehend reifen darf.
Und die Großeltern? Sie sind schon in Stephens' Vorlage am plakativsten gehalten. Auch das Theater überzeichnet Greise gern, zurnal die unwürdigen. Gotthard Sinn holt den tatsächlich nicht besonders altersweisen Charlie Holmes wieder wohltuend zurück aufs gewöhnliche Nomalmaß. Womöglich auch, weil ihn eine Großmutter, wie sie Hildegard Maier sehr zurückhaltend spielt, wohl kaum aus der Fassung bringt.

Theoretisch und praktisch gut
An Raymond Carvers Prosa-Miniaturen sehen sich manche erinnert beim Minimalisten-Dramatiker Stephens. Mag sein - aber er hat einen eigenen Ton. Und sicher auch eine Zukunft an den deutschen Bühnen. Dass sich Tübingen die Deutsche Erstaufführung sicherte, noch bevor "Theater heute" das Stephens-Stück "Am Strand der weiten Welt" in seine Best-of-Charfs hievte, das ehrt den dramaturgischen Verstand des künstlerischen Leitungsteams. Dass zudem auch noch die praktische Umsetzung - mit Enrico Lübbe (einem weiteren "Theater heute"-Hitlister), so gut funktioniert hat, das ist dann nur noch konsequent. Eine Menge Beifall nach der Premiere.

Schwäbisches Tagblatt, 5. Oktober 2006


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