Wir sind umgezogen! Hier gehts zur neuen Homepage des LTT

FotoFotoFotoFotoFotoFotoFoto

Wochenende russischer Dramatik II


InhaltPresse

2. November 2009
Schwäbisches Tagblatt


Deutsch-Russischer Kulturherbst in Tübingen gestartet
Karelischer Kulturreigen

Der Theateraustausch startete am Samstag mit einem Vortrag von Dimitri Svintsov zum neuen russischen Drama. Das Thema des Chefdramaturgen am Nationaltheater von Karelien in Petrosawodsk lockte eine überschaubare, doch interessierte Zuhörerschar an. So kehrte im LTT-Foyer Wohnzimmer-Atmosphäre ein, in der Svintsov mit viel Witz referierte und der Tübinger Regisseur Ralf Siebelt ebenso gewitzt übersetzte.

Das neue russische Drama entstand in der Glasnost-Ära der 80er-Jahre. Es thematisiert schonungslos, doch nicht so raubeinig wie oft behauptet die sozialen Probleme Russlands. „Am Anfang soll es lustig zugehen, am Ende sollen alle weinen“, so Svintsov. Nun ist auch im Westen sozialkritisches Theater kein Novum. Allerdings suche man dort eher Perversionen, die als Stoff bearbeitet, gespielt und dann wieder fallen gelassen würden, so Svintsov. „In Russland stolpert man überall über Tragödien und Komödien – manchmal gleichzeitig.“ Diese Themen verschwinden nach der Aufführung nicht einfach wieder. Die neuen russischen Stücke sind im Westen gefragt, in Russland hingegen waren 2006 nur 15 von 1400 gespielten Stücken Neue Dramen.

Ironisch auf Deutsch, emotional auf Russisch

Den Charakter des zeitgenössisch-russischen Theaters galt es im Anschluss in vier szenischen Lesungen zu entdecken. Darunter war „Russische Nationalpost“ von Oleg Bogaev – der Autor saß selber im Publikum. Auch zu sehen: „Die Kröte“ von Sergej Medvedev – hier war die Übersetzerin Elina Finkel anwesend. Es wurde herzlich gelacht, was Svintsov in der folgenden Diskussion überrascht kommentierte: „In Petrosawodsk spielt man das Stück emotional.“ Die deutsche Art, leicht und ironisch gebrochen, biete ein neues Herangehen.

Eine weitere Chance, sich dem neuen russischen Drama zu nähern, eröffnete am Sonntagmittag die szenische Lesung „Eine Friseuse“ ebenfalls von Medvedev . Ein wunderbar urwüchsiges Stück über die tragische Liebe eines Mädchens zu einem skrupellosen Knast-Bruder. Noch vor der Aufführung war die Fotoschau des Stuttgarter Fotografen Rüdiger Schestag im LTT-Foyer gestartet. Die Bilder zeigen den russischen Alltag: Familien, Rentner in ihrem Wohnzimmer, alte russische Holzhäuser. Entstanden sind die Bilder in Petrosawodsk und Samara.

Fabian Ziehe, Schwäbisches Tagblatt, 2. November 2009


© Landestheater Tübingen