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Uraufführung
4. Dezember 2009

Liebeslyrik

Ein Theaterstück von Stefan Rogge und Ensemble.


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Liebesglühens kalter Schluss
Theater - Ensembleprojekt »Liebeslyrik« am LTT:
Wie eine farbig schillernde Blase platzt, nachdem sie alle Blicke in ihren Bann gezogen hat, so endete das Stück »Liebeslyrik« mit kalter Resignation von Ingmar Bergmann: »Alle sind still. Ich glaube nicht an einen Aufbruch. Es ist zu spät. Alles ist zu spät.« Und das nach rund zwei Stunden Pathos in all seinen Spielfarben und Gefühlsausformungen, durchaus auch scharfen, welches das LTT-Ensemble unter Leitung von Stefan Rogge überwiegend stimmig, mit Witz und Leichtigkeit in die mehrbödige Rahmenhandlung eingeflochten hat.

Da kontrastierte stilles, aber zielstrebiges Turteln des Barockdichters Simon Dach (»Willst Du Dein Herz mir schenken«) mit Ingeborg Bachmanns Bitte »Erklär mir Liebe«. Schillers testosterondampfende Verse »Männerwürde« wurde Sylvia Plaths symbolistische »Verfolgung« entgegengestellt. Rimbauds toller »Faunskopf« wurde mit Brechts trockenen »Tierversen« austariert. Von Sappho, Novalis, Benn bis zu Eddie Cochrans »Three steps to beaven« hat das LTT-Team 2 500 Jahre Liebeslyrik durchforstet, gekonnt mit Musik bereichert (Leitung Andreas Debatin). Um am Ende die Balance zu verlieren in dem Konstrukt aus Versen, Kunst-Kommerz-Konflikt, Mythologie und Regiefilm-Hommage. Da wog die als Ironie begreifbare, klischeehafte Rahmenhandlung dann zu schwer.

Freudetrunken im Blütenregen

Zuvor zwei wunderbare Höhepunkte in den teils brillanten, manchmal etwas versteckten Gedichtpräsentationen: Karlheinz Schmitt rezitierte kunst- und ausdrucksvoll »Und was ist nun Liebe?« von Jiddu Krishnamurti. Dann taumelte Raffaele Bonazza als Faun freudetrunken im Blütenregen auf der rot ausgeleuchteten Bühne, lieferte sich stürmisch das Hochgerüst hochkletternd ein Romantikverseduell mit Schmitt, bevor die Rahmenhandlung wieder die Oberhand bekam.

Die besteht in einem Werbefilm-Dreh inklusive dem Konflikt der sich dem Kommerz hingebenden Kunstseele von »Victor«, dem Regisseur, Dustin-Hoffman-like gegeben im Handlungsreisenden-Anzug von Gotthard Sinn. »Jeanne« (Hildegard Maier mit existenzialistischer Attitüde) steht für die Nouvelle-Vague-Verehrung der Filmtruppe. Bergmanns »Siebentes Siegel« wird mit dem Sensenmann (Schmitt) zitiert, abendländische Mythologie durch den Kameramann Odysseus (Andreas Debatin), den Faun, dazu kommt noch die »Sünde«, schulterfrei in barocker Kostümpracht und vibrierend Julienne Pfeil, sowie Nadia Migdal als schwedische Regieassistentin. Stefan Kraft erdete die Szenerie mit irdischer Maloche als Kamera-Assistent. Schmitt und Bonazza spielten mit beeindruckender körperlicher Präsenz.

Die diversen Bedeutungsebenen der Figuren boten die Anknüpfungspunkte für das Gedichtspotpourri. Neben karger Requisite sorgten die typisierenden Kostüme und den Raum gliederndes Licht für nachvollziehbare Szenen- und Stimmungswechsel (Ausstattung Malte Lübben). In der Erinnerung wärmt die Pracht des spritzigen und funkelnden Liebeslyrikreigens trotz der eisigen Gefühlsdusche am Schluss.

sol, Reutlinger Generalanzeiger, 7. Dezember 2009


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