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Uraufführung
5. Dezember 2009

Karin Eppler

Gullivers Reisen

nach Motiven von Jonathan Swift

Ein Abenteuer-Erzähltheatersolo ab 9 Jahren


Übersicht

8. Dezember 2009
Reutlinger General-Anzeiger

8. Dezember 2009
Reutlinger Nachrichten

7. Dezember 2009
Schwäbisches Tagblatt


Das richtige Maß
"Gullivers Reisen" am LTT als Fantasie-Herausforderung uraufgeführt

Ein Menschenfreund war der anglikanische Priester Jonathan Swift eher nicht und auf die Engländer war der Ire sowieso schlecht zu sprechen. Seine 1726 pseudonym erschienenen "Gullivers Reisen" gingen hart mit der Monarchie und der dünkelhaften Gesellschaft ins Gericht: Als Liliputs Palast brennt, wird er nicht gerade auf die feine englische Art gelöscht. Die sozialkritische Satire verbreitete sich rasend schnell und wurde von offizieller Seite mit einem geschickten Schachzug entschärft - in der verharmlosten Form einer "Kinderbuch"-Ausgabe.
Liliputaner, Riesen und sprechende Pferde lassen im Kontrast den gestrandeten Schiffsarzt mal übergroß, mal winzig, mal als triebhaftes Tier erscheinen. Was ist der Mensch? Was ist das richtige Maß?
Wie bringt man diese verkehrte Welt auf die Theaterbühne? Der Film kann hier seine Tricks ungleich effektvoller ausspielen. Regisseurin Karin Eppler ("Die Wanze", "Cyrano") vertraut bei der Inszenierung ihres von Swift inspirierten Textes daher ganz auf die Stärke des Erzähltheaters und die Fantasie des Zuschauers. Und sie vertraut zurecht auf die frappierende Verwandlungskunst ihres einzigen Darstellers.
Christian Beppo Peters erzählt die Abenteuer aus Gullivers Perspektive und springt dabei in die handelnden Figuren hinein, gibt im fliegenden Wechsel auch den tumben Riesen-Vater und seine lispelnde Tochter, eitle Herrscher und aufgetakelte Hofdamen. Ganz ohne Requisiten schafft er nur durch Körperhaltung, Stimmgebung und pantomimische Mittel um sich herum imaginäre Welten. Mal scheint sich so die Spielfläche im LTT-oben zur Zwergenstadt zu verengen, mal zum endlosen Meer zu weiten. Die drei Zoll hohen Liliputaner stellt Peters mit seinen Fingern dar. Verblüffend und täuschend echt wirkt der Effekt, wenn die liliputanische Armee den gefesselten "Menschenberg" in ihre Stadt transportiert und Peters, auf dem Rücken liegend, die Finger vorwärts marschierend, über den Boden ruckt - wie tatsächlich "gezogen".
Das alles ist darstellerisch virtuos, erfordert von den Zuschauern aber eine gewisse Theatererfahrung. Sinnvoll ist die LTT-Altersempfehlung ab neun Jahren. Für Jüngere sind die fließenden Verwandlungen und der kritische Gehalt nicht immer nachvollziehbar.
Angesichts des heutigen Überangebots an vorgefertigten medialen Bildern ist das Erzähltheater eine Chance und eine Herausforderung für die Fantasie. Bei der Premiere am Samstag waren auch die jüngeren Zuschauer die gesamten 70 Minuten über mit gebannter Spannung dabei.

Unterm Strich
Große Menschheitsfragen, große Darstellungskunst. Swifts philosophische Sozialkritik als virtuoses Erzähltheater.

Achim Stricker, Schwäbisches Tagblatt, 7. Dezember 2009


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