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Uraufführung
10. April 2010

Ralf Jaroschinski

Die Abenteuer des Peer Gynt

Uraufführung
Tanztheater frei nach Henrik Ibsen
für alle ab 6 Jahren


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Glückssucher bis zum Lebensende
Beim neuesten Kinderstück des Landestheaters Tübingen (LTT) tanzt sich Peer Gynt die Seele aus dem Leib: Es ist ein spaßiges und vieldeutiges Tanzabenteuer von Ralf Jaroschinksi für Zuschauer ab sechs Jahren.

Peer Gynt als Tanztheater für Kinder? Was sich vielleicht ein bisschen anhört wie Eurythmie für Anfänger, entpuppt sich beim ersten Hinschauen prompt als getanzter Heimatfilm mit Folklorekick vor kitschiger Kulisse. Norwegen, Fjord, Berge, Schnee, rote Landhäuser - fast wie Ikea-Idylle pur.

Die herausgeputzten Ureinwohner schauen glückselig aus ihren Trachten und tanzen um den Mittsommerbaum. Solveig fordert die Kinder im Publikum auf, bei der Hochzeit mitzutanzen. Spätestens jetzt treibts einem die ersten Rühr-Tränen in die Augen, aber Regisseur und Choreograph Ralf Jaroschinski zeigt sich dann doch noch gnädig und hat die Szenerie nur kurz ein wenig überzogen für eine kleine tanzethnographische Einführung in den Ort des Geschehens.

Ansonsten wurde Jaroschinski von der grandiosen Peer-Gynt-Vertonung von Edvard Grieg so zum Tanzen inspiriert, dass er Henrik Ibsens Versdrama zu einem fast ausschließlich pantomimischen Stationenmärchen reduziert hat. Oder erweitert - je nach dem, wie man das sehen will. In Jaroschinskis Händen gerät "Peer Gynt" jedenfalls zu einem sehr eigenen, sympathischen und nach wie vor sehr vieldeutigen Tanztheaterstück, zu dem man auf jedem (Alters-)Niveau einen Zugang findet. Es kommt fast ohne Text aus, nur Solveig (Marion Maucher) fungiert ab und zu als Erzählerin. Sie ist ja sowieso immer da und wartet auf ihren Peer (Christian Beppo Peters), der hier zunächst als aufgekratzter Schlingel und alberner Scherzkeks durch die Landschaft tänzelt, hüpft und stolpert.

Bei der Dorfhochzeit ist er allerdings nicht besonders willkommen: Er wird durch die Gegend geschubst. Da klaut er eben die Braut, nicht ohne sich vorher noch auf ewig in Solveig zu verknallen. Was ihn wiederum nicht davon abhält, sich mit einem kleinen Segelschiffchen unterm Arm auf lange Abenteuerreise zu begeben: in die fremden Welten der Trolle, des Reichtums, der Wüste und des Wahnsinns.

Regisseur Ralf Jaroschinski lässt seine prächtig aufgelegten Schauspieler allerdings eher weniger expressiv durch den Raum schweben, sondern bringt eine überraschend konkrete und anschauliche Performance auf die Bühne, mit tollen Bildern, verschiedensten Stimmungen, hochemotionaler Musik, drolligen Effekten und magischen, parodistischen oder einfach nur irren Tanzeinlagen.

Und vor der neckischen Kulisse von Jürgen Westhoff, der mit einer schlichten Kiste wahre Wunder bewirkt und per Sonnenschirmapparatur norwegische Fichten in Palmen verwandeln kann. Die jungen Zuschauer dürfen mittanzen, Rätsel raten oder Sturmflut spielen, während Magdalene Flade, Claudio Schulz-Keune und Rupert Hausner ihre wechselnden Rollen als Brautleute, Beduinen, Säbeltänzer oder Psychiatrieerfahrene sehr pointiert ausspielen.

Ihre Trolle wälzen sich als grün-blaue Miss Piggys in mystischer Bergkristall-Atmosphäre durch ihre Orgien mit anschließendem Schnarchkonzert. Da ist Peer natürlich sofort mit von der Partie: Das Verrückte, Fremde, Abenteuerliche und Phantastische saugt ihn magisch an, bis hin zur Selbstaufgabe und bis er sich wieder die Haut vom Leibe kratzen muss.

Christian Beppo Peters zeigt seinen Peer nicht nur als neugierigen, verführbaren Bruder Leichtfuß und naiven Hans im Glück, sondern auch als den ewig Hin- und Hergerissenen mit vielen Anlagen, aber ohne Zwiebels Kern. Der aber auch die mittlerweile schon etwas abgedroschene "Suche nach sich selbst" ad absurdum führt. Und sich bis zum Ende seines Lebens, (als auch noch andere Grieg-Versionen ins Spiel kommen), nicht für ein Lebensmodell entscheiden kann. Der zwar zu seiner Solveig heimkehrt, in dessen Kopf aber immer noch ein ganzes Irrenhaus tanzt.

Nicht nur einmal in seinem Leben erleidet er Schiffbruch. Aber während er sich von allem mitreißen und verändern lässt, bleibt Solveig die Mutter aller Beständigkeit, die zuhause sitzt und auf ihren Peer wartet: Marion Maucher als dauerglückseliglächelnde Liebende. Die aber immerhin sprechen kann und den Überblick behält.

Kathrin Kipp, Reutlinger Nachrichten, 12. April 2010


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