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Premiere
20. November 2009

Ulrich Plenzdorf

Die neuen Leiden des jungen W.

Moderner Klassiker/Schulstoff


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Wibeau ist das „Enfant terrible“ in Reinkultur
WANGEN - Turbulente Rollenwechsel, Popmusik der 1970er Jahre und ein Bühnenbild, dessen Aussehen sich von Moment zu Moment wandelt, haben das Theaterstück „Die neuen Leiden des jungen W.“ am Freitagabend in der Stadthalle beflügelt.

Das hohe Spieltempo rüttelte die Zuschauer kräftig durch, belustigte aber auch mit irrwitzigen Szenen aus dem Nichts heraus.

Den starken Aufbruchswind, der in der Person Edgars durch das Stück geht, mag Regisseur Ralf Siebelt besonders. Martin Schultz-Coulon verkörpert ihn in der Rolle des jungen draufgängerischen Wibeaus. Nicht
nur darstellerisch, sondern auch seine konstitutionelle wie tänzerische Leistung über eine Spieldauer von zwei Stunden ohne Pause ist beachtlich.
Klug arrangiert.
Die Inszenierung des Tübinger Landestheaters Württemberg-Hohenzollern nach dem Bühnenstück und Roman des DDR-Autors Ulrich Plenzdorf startete mit einem tosenden Donner. Die Verwüstung des Bühnenbildes von Thimo Plath ist perfekt und so klug arrangiert, dass sich die Schrottteile im Handumdrehen zu immer neuen Spielplätzen wandeln und damit der Unberechenbarkeit des Stücks Ausdruck verleihen.

Verantwortlich hierfür ist das Ensemble mit Silvia Pfändner, Katja Gaudard, Udo Rau, Patrick Schnicke und Martin Maria Eschenbach,das wechselweise in die Rollen von Charlie, der Mutter, des Brigadeleiters, von Freund Willi, Dieter und weiteren schlüpft – alles ohne auch nur für eine Minute die Bühne zu verlassen.

Auch wenn aus der Sicht von Regisseur Siebelt die DDR im Stück nur der Hintergrund ist, vor dem die Geschichte abläuft, ist ihr Lebens- und Politsystem gerade vor dem Hintergrund von Plenzdorfs eigener DDRVergangenheit und damit verbundener Gesellschaftskritik präsent.

Wibeaus raudihafter Ausbruch aus der Enge des Heimatortes in Richtung Berlin lassen ihn Höhenflüge erleben, wenn er sich völlig überdreht und bis auf die Unterhose entkleidet der Überzeugung des verkannten Genies hingibt.

Hat ihm zuvor in einer packenden Szene das zu einer Pyramide geformte
Ensemble in der Funktion eines monströsen „Kunstprofessors“ jegliches Talent abgesprochen, nimmt
Schultz-Coulon kurzerhand den ganzen Bühnenraum in Beschlag und beackert ausgerollte Papierbahnenmit wilden Körperabdrücken. Abstrakte Malerei nennt er das ungeniert, denn richtig Malen kann er nicht.
Eine ähnlich mitreißende Szene, die sich aus Improvisiertem speisen, ist der „Blue Jeans-Song“, der im Publikum, darunter zahlreiche Schüler, eine gelöste Stimmung aufkommen lässt. Bis Wibeau von dem Höhenflug wieder in der nackten Realität seiner Berliner Gartenlaube ankommt, sich einen Plastikwandschirm schnappt, hinter dem er seine Notdurft verrichtet und Seiten aus Goethes „ollem Werther“ zum Abputzen nimmt. Er ist das „Enfant terrible“ in Reinkultur.
Ihm gegenüber steht Charlie in vergleichsweise braver Aufmachung. Sie spielt ihre Zweigeteiltheit zwischen Sicherheitsstreben in Gestalt des angetrauten Dieters und sexueller Abenteuerlust mit Hang zu dem „vernagelten Idioten“ fast schon wohl überlegt. Wenn der junge Wibeau die Angebetete schließlich zur Bootsfahrt überredet, mobilisiert das Ensemble Plastikwanne, Wasserpumpe inklusive Entengeschnatter als irrwitzige Szenerie, in der die Turteltäubchen klatschnass herumpaddeln und sich küssen.
Nur drei Tage später macht Wibeau sich mit 380 Volt und einem selbst gebastelten nebellosen Farbspritzgerät den Garaus. Eher ungewollt, aber mit viel Lärm, als die rückwärtige Kulissenwand im Zeitlupentempo nach vorn kippt und den Blick auf eine endlos weite Plattenbausiedlung freigibt.

Babette Caesar, Schwäbische Zeitung, 19. Januar 2010


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