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Premiere
20. November 2009

Ulrich Plenzdorf

Die neuen Leiden des jungen W.

Moderner Klassiker/Schulstoff


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Einstürzende Plattenbauten
Theater Landestheater Württemberg-Hohenzollern zeigt Ulrich Plenzdorfs »Die neuen Leiden des jungen W.«

»Das wars, Leute. Machts gut.« Das sind die berühmten letzten Worte des Edgar Wibeau, ehe er die Spritzmaschine einschaltet und sich den ultimativen Stromstoß gibt. Da hauts sogar die Plattenbauten um und wir erhalten den Navi-Blick aufs große Ganze, auf Berlin. Denn dort spielt det Janze. Allerdings noch zu Ost-West-Zeiten. »Die neuen Leiden des jungen W.« ein Publikumserfolg, im Osten wie im Westen.

DDR-Autor Ulrich Plenzdorf hat mit seinem gefühlvollen Stück und später mit der zeitgeistigen Itzenplitz-Verfilmung (1976) den großen Durchbruch geschafft. Da gab es nichts, den Film musste man damals gesehen haben.

Doch funktioniert das Stück heute noch? Das LTT probierts und Regisseur Ralf Siebelt legt gleich ordentlich los. Man sieht Tisch und Stuhl in gemütlicher Beleuchtung vor einer Plattenbauwand. Und dann passierts. Aus dem Nichts fallen die Reste von Edgar Wibeaus Laube mit Getöse auf die Bühne und verwandeln diese in eine große Müllhalde. Es beginnt mit dem Ende, mit dem Ende Wibeaus.

Und dann wird das kurze Leben des sympathischen Chaoten, des wilden, stürmisch drängenden Aussteigers von hinten aufgezäumt. Sein Vater macht sich auf Spurensuche und der Zuschauer erfährt die Leiden des jungen W. Stück für Stück.

Goethe auf dem Klo gefunden

Natürlich klar, worauf das Plenzdorf-Drama fußt. Auf Goethes »Die Leiden des jungen Werthers«, ein Werk, das der große deutsche Dichter als Briefroman mit vielen autobiografischen Zügen in kurzer Zeit hingeschrieben hat. Und dieses Werk findet der neue W. als Reclam-Ausgabe auf dem Klo. Ehe es als Papierersatz ganz im Lokus-Orkus verschwindet, vertieft sich Edgar noch fasziniert in die Goethe-Literatur und zieht dabei Parallelen zu seinem eigenen Leben. Denn so wie Werther ist auch er in eine verheiratete Frau fast unsterblich (!) verliebt. Werther in Charlotte und Edgar in Charlie, die nebenan im Kindergarten arbeitet. Und beide Schwärmer stehen sich bei der Suche nach der Liebe mit ihrem fast kindlichen Verliebtsein selbst im Wege. Am Ende gibt es für sie kein Liebes- und kein Lebensglück, der eine erschießt sich, der andere jagt bei seinem Experiment fast die ganze Plattenbau-Siedlung in die Luft, zumindest kippt eine Wand um und, siehe oben, »das wars«.

Im Landestheater kommt das Stück anfänglich etwas schwerfällig daher. Zuviel Erzähltext, die Handlung müht sich vorwärts und die Personen drum herum versuchen, mit mehr oder weniger sinnvollen Handlungen Leben ins Spiel oder besser auf die Müllhalde zu bringen.

Martin Schultz-Coulon ist ein vor jugendlicher Energie sprühender und endlos plappernder Edgar mit langen Koteletten und einer Irgendwie-Frisur. Er ist der Einzige im Schauspiel-Team, dem man keine Mehrfach-Rollen aufgeladen hat. Die anderen müssen da schon verwandlungsfähiger sein. Patrick Schnicke, Martin Maria Eschenbach, Udo Rau und Katja Gaudard teilen sich die Rollen von Vater, Mutter, Kinder, Willi, Addi, Meister Flemmig, Zaremba und vielen mehr.

Aber da ist natürlich noch Charlie. Silvia Pfänder spielt auch mehrere verschiedene Rollen, aber Charlie ist eben ihre wichtigste. Und die stellt sie als liebenswertes, naives, kleines Ding dar, das sich nicht so recht entscheiden kann: hie der etwas blasse Soldat, der Sicherheit verspricht, dort der Chaot, der heimliche Wünsche freisetzt. Sie konnten zusammen nicht finden das Thema hatten wir schon öfters in der Weltliteratur, nicht nur bei Goethe und Plenzdorf.

Doch gerade in dem Augenblick, in dem sich die Beziehung zwischen Edgar und Charlie zuspitzt, nimmt auch Ralf Siebelts Inszenierung im großen LTT-Saal Fahrt auf. Die Figuren erhalten mehr Konturen, das Spiel wird runder und anrührender und setzt mit den einstürzenden Plattenbauten einen eindrücklichen Schlusspunkt. (GEA)

VEIT MÜLLER, Reutlinger Generalanzeiger, 23. November 2009


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