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Premiere
20. November 2009

Ulrich Plenzdorf

Die neuen Leiden des jungen W.

Moderner Klassiker/Schulstoff


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Der olle Goethe als Leitfaden
Das Landestheater Tübingen zeigt "Die neuen Leiden des jungen W." von Ulrich Plenzdorf

Mit einem Kracher fängt alles an. "Die neuen Leiden des jungen W." erzählen von einem anderen Werther aus DDR-Zeiten. Regisseur Ralf Siebelt macht aus Ulrich Plenzdorfs Stück eine Installation im 70er-Stil.

Bumm! Prassel! "Die neuen Leiden des jungen W." von DDR-Schriftsteller Ulrich Plenzdorf beginnen im LTT mit einem großen Knaller. Die Laube des Edgar Wibeau fliegt in die Luft, und eine Zeitreise in die 70er Jahre beginnt.

Eine Zeit, in der offenbar im Osten wie in Westdeutschland rebellische Jugendliche in Blue Jeans aus dem bürgerlichen Mief ausbrachen, auf ihrer Suche nach "Freiheit" und "Selbstverwirklichung" unheimlich authentisch waren und deshalb aus Schrott Kunst machten.

Auch LTT-Hausregisseur Ralf Siebelt schweißt aus Plenzdorfs Montagevorlage, jeder Menge Bauschutt und Musik eine kleine Zeitgeist-Installation zusammen und zitiert dabei ohne jede Häme oder Nostalgie 70er-Jahre-Klischees aus Ost und West für seinen kurzweiligen Gang durchs Lebensgefühl-Museum.

Edgar Wibeau ist ein angepasster Musterlehrling, bis es eines Tages aus ihm herausbricht. Er lässt eine Platte auf den Zehen seines Meisters plumpsen, schmeißt seine Lehre, zieht in Berlin in eine Laube, widmet sich der Kunst und findet auf dem Klo Goethes "Werther". Die "olle Schwarte" wird von ihm nicht nur als Klopapier benutzt, sondern auch als Matrix und Interpretationsleitfaden für sein Leben. Zitate daraus schickt er als "geschwollene" Botschaften in die Welt hinaus.

Sein ganzes Leben wird dadurch zur (Klopapier-)Kunst. Auch seine unglückliche Liebe zur Kindergärtnerin von nebenan. Trotz seiner kritischen Haltung zum Thema Arbeit geht er - aufgrund ökonomischer Zwänge - auf den Bau, wo er zur Konstruktion einer "nebellosen Farbspritze" inspiriert wird, die letztlich dann doch zu viel Spannung (380 Volt) in sein Leben bringt: Bumm.

Seine Geschichte wird von hinten aufgerollt: Edgars Vater, zu dem er nie Kontakt hatte, macht sich nach seinem Tod auf die Suche nach dem verlorenen Sohn. Und das in einer Art Erzähltheater, das die unterschiedlichsten Perspektiven auf die Hauptfigur ermöglicht und 35 Jahre nach seiner Entstehung diverse Zeitebenen samt ihrer jeweiligen Jugend- und Zeichensprachen und Bedeutungsuniversen ineinander verkantet: Ein vielleicht deshalb so beliebtes Schülerstück, das vom LTT zum 20. Jahrestag der Wiedervereinigung aufgelegt wurde. Das aber in den Händen von Ralf Siebelt gar nicht mal so verschult und verstaubt daherkommt, auch wenn jede Menge historischer Bauschutt von der Decke fällt. Vielleicht gerade weil Siebelt es so ungeniert retrospektiv angelegt hat.

Die Schauspieler jedenfalls tun freudig mit und hantieren in ihren mehr oder weniger schrillen Klamotten, Jeans, Parkas, Minikleidern und halblangen Haaren in wechselnden Rollen auf der Bühne herum. Nur Edgar bleibt sich selbst. Ihre Figuren rekonstruieren Edgars Leben, indem sie im Schrott wühlen (Ausstattung: Thimo Plathe), daraus wie im Kindertheater ihre Requisiten, allerlei lustige technische Gerätschaften und Schrott-Kunst basteln. Wie auf Droge veranstalten sie spritzige Kunsthappenings, machen sich dabei fast nackig, fröhnen der freien Liebe und gruppieren sich zu bewegten Standbildern.

Silvia Pfändner steckt als spöttische und streitlustige Kindergärtnerin Charlie mit dem spießig-schmierigen Dieter (Martin Maria Eschenbach) in einer Beziehung, die sich mit Edgar zu einer recht engen Dreierkiste in einem Baubottich entwickelt. Udo Rau ist als ruppig-gutmütiger Chef des Werktätigentrupps ein echter "Steher", wie Edgar findet. Patrick Schnicke wiederum beweist als Freund Willi weniger Stehvermögen: er geht zurück in die miefige Provinz.

Und Martin Schultz-Coulon ist als Edgar so bewegt wie bewegend: Als Rebell und Schwärmer steht er ständig unter Strom, turnt auf dem Tisch herum, redet seinem Umfeld in den Text, kommentiert sein Leben und macht sein Ding. Als flippiger Aussteiger, Provo und verkanntes Genie spritzt er zudem mit Wasser, Farbe, Tatendrang und Goethes Weisheiten um sich.

Dass er dabei mit mehr Ego als Talent ausgestattet ist, kümmert ihn wenig. Und so scheitert er letztlich an seiner Vision, seiner Energie und an seinem Bedürfnis, etwas ganz Großes zu veranstalten.

Am Ende aber bringt er es immerhin noch zu einem spektakulären Mauerfall - da sag noch einer, Theater bewege nichts.



Ulrich Plenzdorf "Die neuen Leiden des jungen W." am Landestheater Tübingen (LTT): 10., 11. und 18. Dezember, jeweils 20 Uhr im Großen Saal.

Kathrin Kipp, Reutlinger Nachrichten, 24. November 2009


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