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Deutsche Erstaufführung
3. Dezember 2005

Carles Batlle

Versuchung

Aus dem Katalanischen von Thomas Sauerteig und Hans Richter

Regie: Alexander Nerlich
Bühne: Gisela Goerttler / Kostüme: Silvana Ciafardini / Video: Wolfram Schillinger / Dramaturgie: Anna Haas
Mit: Wenzel Banneyer, Hubert Harzer
Dauer: 80 min.


Carles Batlle, 1963 in Barcelona geboren, arbeitet als Dramaturg am Katalanischen Nationaltheater in Barcelona und unterrichtet am Institut für Theater sowie an der Autonomen Universität Barcelona. Seine Stücke, die sich mit gesellschaftspolitischen Widersprüchen unserer Gegenwart auseinandesetzen, wurden in Spanien mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Die Uraufführung seines neuesten Stücks TEMPTAIÒ (dt. [s]Versuchung[/s], 2004) findet im November 2004 am Katalanischen Nationaltheater in Barcelona statt.

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Du machst die Tür auf,
und die Vergangenheit steht vor dir
und lächelt dich dämlich an.

Katalonien - heute. Aixa, eine junge Marokkanerin, ist aus ihrer Heimat geflohen, um einem von ihrem Vater bereits vor Jahren geschlossenen Heiratsabkommen zu entgehen. Jetzt lebt sie ohne Aufenthaltsgenehmigung in Spanien und arbeitet als Hausmädchen für Guillem, einen mittedreißigjährigen katalanischen Antiquitätenhändler. Doch plötzlich steht ihr Vater vor der Tür. Auch er hat Marokko auf illegalem Weg verlassen. Auf der Suche nach Arbeit wendet er sich an den Sohn eines alten Freundes, zufälligerweise eben jenen jungen Mann, für den auch seine Tochter arbeitet. Doch Guillem verfolgt eigene Interessen. Er lässt sich seine Dienste als "Arbeitsvermittler" von den illegalen Einwanderern teuer bezahlen. Einzig Aixa genießt einen Sonderstatus, denn Guillem hat sich in sie verliebt. Die Situation spitzt sich zu, als Aixas Vater plötzlich tot im Vorgarten liegt ...

In seinem sowohl emotionalen wie politischen Stück verwebt Carles Batlle das Schicksal der beiden illegalen Immigranten und des Katalanen zu einer ungemein spannenden, fast kriminalistischen Erzählung. Jede der Figuren beschreibt ihre eigene Version der Geschichte. In einer weitgehend monologischen Struktur entwickelt Batlle eine komplexe Rhetorik der Gefühle. Nichts ist so, wie es zunächst scheint. Man ist hin und her gerissen zwischen Momenten der Sympathie und des Abscheus, die man in erschreckend kurzen Abständen für ein und dieselbe Figur empfindet. So wird der Zuschauer aktiv in den widersprüchlichen Prozess der Produktion von Wahrheit(en) miteinbezogen.

In VERSUCHUNG ging ich von einer Zeitungsnotiz aus: "Die Polizei sucht die Familie eines Mannes, der tot und ohne Papiere auf der Straße gefunden wurde." Ich habe mich gefragt: Warum sucht die Polizei die Familie? Der Mann hat keine Papiere oder Dokumente. Es könnte ein Bettler oder ein illegaler Einwanderer sein. Warum sucht ihn die Familie nicht?
Ich stelle mir dazu eine Geschichte vor: Die Tochter des Toten erfährt, dass ihr Vater überfahren wurde. Wenn sie nun Anspruch auf den Körper erhebt, um ihn zu begraben, wie es die Tradition verlangt, dann wird sie, da sie auch illegal ist, gezwungen in ihr Land zurückzugehen. Ein Dilemma wie in ANTIGONE: entweder begräbt sie ihren Vater, oder sie hat eine Zukunft in diesem Land.Carles Batlle


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