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Premiere
5. März 2010

Simon Stephens

Harper Regan

Deutsch von Barbara Christ
Zeitgenössische Dramatik


Übersicht

13. März 2010
Esslinger Zeitung

13. März 2010
Südwestpresse

9. März 2010
Reutlinger Nachrichten

8. März 2010
Schwarzwälder Bote

8. März 2010
Stuttgarter Nachrichten


Sie wollen vor allem nicht auffallen
Alexander Tull betont am Tübinger Landestheater vor allem das Parabelhafte in Simon Stephens Stück „Harper Regan“

Harper Regan will es allen recht machen:Ihren kranken Vater will sie besuchen, doch der Chef gibt ihr nicht frei. Mehr noch: er konfrontiert sie mit Unverschämtheiten, und sie lächelt auch noch wie auf Knopfdruck, als ihr das befohlen wird.
In Alexander Tulls Inszenierung von Simon Stephens „Harper Regan“ am Landestheater Tübingen – die Premiere war am
Freitag vor nicht ganz ausverkauftem Haus – spielt Ina Fritsche die Hauptfigur so unspektakulär und bescheiden, dass sie sich zumindest auf einer Bühne auf jeden Fall verdächtig macht. Eine lange Strickjacke, ein unscheinbarer Pulli, nachlässig hochgestecktes Haar – diese Frau will vor allem nicht auffallen. Doch bis der Zuschauer erfährt, was diese Frau verbirgt, passiert viel: Trotz Kündigungsdrohung des Chefs nimmt sie frei und besucht ihren Vater im Krankenhaus, der zu diesem Zeitpunkt allerdings schon gestorben ist. Gedankenverloren geht sie in ein Lokal, klaut einem Gast die Lederjacke, schläft anschließend mit einem wildfremden Mann und streitet sich anschließend mit ihrer Mutter. Stephens hat das sehr heutig, sehr lakonisch und in knappen einfachen Sätzen geschrieben, Tull, der auch am Stuttgarter Staatsschauspiel inszeniert, hat noch weiter reduziert: Eine Brücke, eine Rampe und ein amorphes Betonteil, fertig ist das Bühnenbild von Vesna Hiltmann. Dafür stehen die sieben Akteure während der ganzen Aufführung auf der Bühne, auch wenn hier die Zwei-Personen-Szenen eindeutig überwiegen.
Mal lauernd, mal angespannt, mal im Hintergrund sich entspannend verfolgen sie den zunehmenden Leidensdruck dieser Figur, die irgendwann auch nicht mehr der Situation gewachsen ist und losbrüllt. Auch ihr Mann Seth Regan ist die Unauffälligkeit in Person, Martin Maria Eschenbach spielt ihn ganz verhuscht, reagiert nicht einmal auf Unverschämtheiten vonseiten seiner Tochter. Nadia Migdal als Sarah Regan nützt das Vakuum der Eltern, entstanden aus Unausgesprochenem, reichlich aus für unmittelbare Agressionen. Das Unausgesprochene und damit der Verdachtsmoment: Der Mann soll beim heimlichen Fotografieren von Kindern erwischt worden sein. Ein Versehen, eine Harmlosigkeit, einVoyeur, einer, der sich für Kinderpornos interessiert?
– Für die Umwelt ist der Fall klar, die Familie hat sich für die Unschuldsvermutung entschieden. Deshalb der Umzug in eine anonyme Vorstadt, das unauffällige Leben und eine ungesicherte Zukunft, zumindest für die Tochter. In der vergangenen Saison hat Barbara-David Bruesch dieses Stück für das Stuttgarter Staatsschauspiel inszeniert, hat dabei Stimmungsbilder
mitgeliefert. Mit Anna Windmüller hatte sie auch eine Hauptdarstellerin, die bei aller Gutmütigkeit mehr Eigenleben und Gemütsregungen zeigte. Fritsche dagegen spielt über weite Strecken wie in Trance, betont so das Parabelhafte dieses Stückes.
Dazu passt das Umfeld: Äußerlich spielt Karlheinz Schmitt den Chef wie einen völlig verhuschten Büromenschen, dabei hat er jede Menge Psychotricks auf Lager, die er jedoch nicht mit großer Geste, sondern eher hinterrücks ausspielt. Und Hildegard Maier spielt die Mutter als ganz gediegene Oma.
Am Ende ist das Unaussprechliche gesagt

Armin Friedl, Stuttgarter Nachrichten, 8. März 2010


© Landestheater Tübingen