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Premiere
20. November 2009

Ulrich Plenzdorf

Die neuen Leiden des jungen W.

Moderner Klassiker/Schulstoff

Inszenierung: Ralf Siebelt / Ausstattung: Thimo Plath / Dramaturgie: Inge Zeppenfeld
Regieassistenz: Nils Wiegand / Inspizienz: Ralph Hönle
Mit: Martin Maria Eschenbach, Katja Gaudard, Silvia Pfändner, Udo Rau, Patrick Schnicke, Martin Schultz-Coulon
Dauer: 125 min.



"Ich hätte nie im Leben gedacht, dass ich diesen ulkigen Werther mal so begreifen würde."

Der 17-jährige Edgar Wibeau, Eins-A-Vorzeige-Lehrling, hat die Nase voll von zu Hause, einer kleinen Provinzstadt in der DDR der 70er Jahre. Er büchst aus nach Berlin, wo er in einer abbruchreifen Gartenkolonie, die ihm sein Freund Willi gezeigt hat, Unterschlupf findet. Auf dem „ollen Klo von Willis oller Laube“ bekommt Edgar durch Zufall ein Reclamheft in die Finger: ohne Titelblatt und Nachwort. Und so hat er, als er zu lesen beginnt, nicht den blassesten Schimmer, was er da gerade in den Händen hält: Johann Wolfgang von Goethes „Die Leiden des jungen Werther“. An seine beiden Lieblingsbücher „Robinson Crusoe“ und „Fänger im Roggen“ kommt „die olle Schwarte“ ohnehin nicht heran mit Ergüssen wie „O meine Freunde! Warum der Strom des Genies so selten ausbricht ... und eure staunende Seele erschüttert?“ Sehr schnell aber wird der Klassiker für Edgar zu einer Art Universal-Code, der wie geschaffen ist für die Beschreibung von Charlie, die als Kindergärtnerin in der Nähe der Gartenkolonie arbeitet und in die Edgar sich bis über beide Ohren verliebt hat: „Kurz und gut, Wilhelm, ich habe eine Bekanntschaft gemacht, die mein Herz näher angeht. Einen Engel ...“. Ähnlich wie Werther in Bezug auf seine Lotte hat allerdings auch Edgar einen unliebsamen Konkurrenten: Charlies Verlobten Dieter. Da hilft nur Ablenkung: Edgar beginnt bei einer Malerbrigade. Dort startet er sein geheimes Projekt „NFG“ (Nebelloses Farbspritzgerät). Und so steht am Ende nicht der Selbstmord im „Werther-Fieber“; vielmehr wird ein alter Trafo mit 380 Volt zum Verhängnis ...


„White Jeans? – No! Black Jeans? – No! Oh Bluejeans. Yeah!“

– Als Ulrich Plenzdorfs DIE NEUEN LEIDEN DES JUNGEN W. 1976 in der BRD-Verfilmung zu sehen war, hatte kaum jemand im Westen das Gefühl, dass es hier jenseits von Lehrkombinat und Brigade speziell um die Verhältnisse in der ehemaligen DDR ging. Die Geschichte des jungen, begabten und mit einer großen Energie und Leidenschaft ausgestatteten Edgar begeisterte Jugendliche hier wie dort und war 1974/75 das meistgespielte Theaterstück in beiden deutschen Staaten.
Heute sind die NEUEN LEIDEN DES JUNGEN W. in mehrfacher Hinsicht geballte Kultur- und Literaturgeschichte – 200 Jahre liegen zwischen Goethe und Plenzdorf, viele Jahre getrennte DDR-BRD-Geschichte und 20 Jahre seit dem Fall der Mauer liegen wiederum zwischen Plenzdorfs Geschichte und heute. Doch trotz dieser historischen Bedeutung bleiben DIE NEUEN LEIDEN DES JUNGEN W. gleichwohl ein immer noch erfrischender und bewegender Theaterabend über das Erwachsenwerden.


© Landestheater Tübingen