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Premiere
28. November 2008

Georg Büchner

Leonce und Lena

Ein Lustspiel


Übersicht

25. April 2009
Augsburger Allgemeine

31. März 2009
Südwestpresse

2. Dezember 2008
Reutlinger Nachrichten

1. Dezember 2008
Reutlinger Generalanzeiger

1. Dezember 2008
Schwäbisches Tagblatt


Lädierte Prinzessin, abgetörnter Prinz

Ein Pärchen wie aus den Filmen "Edward mit den Scherenhänden" oder "Sweeney Todd" entsprungen, schwarzumränderte Augen, jung und doch schon abgeklärt, ein wenig morbid. Gothic-Rock, Industrial und eine dunkle Bühne wie in einem Industriepark. Das Landestheater Tübingen setzt bei der Inszenierung von "Leonce und Lena" auf Provokation (ein Lieblingsthema des Autors Georg Büchner) und einen wunderbar leichten, unverkrampften Umgang mit dem Text. Es macht Spaß zuzuschauen oder zuzuhören, auch wenn es manchmal ein wenig laut wird.

Leider werden in Landsberg nicht wie in Tübingen vor der Vorstellung Ohrstöpsel verteilt, dafür findet man aber einen Zweig unter dem Theatersessel, damit man als Publikum dem neuen glücklichen Paar zujubeln kann. Interaktives Theater, lustvoll, aber nie platt, erwartete die Zuschauer.

Büchners Lustspiel gehört zu den am häufigsten gezeigten Stücken in der deutschen Theaterwelt. Prinz Leonce vom Königreich Popo entflieht mit dem Lebenskünstler Valerio der Langweile seines kleinen, unbedeutenden Staats und der Zwangsheirat mit Prinzessin Lena aus dem Reiche Pipi nach Italien. Dort trifft er auf Lena, die auch vor dem ihr unbekannten Bräutigam die Flucht ergriffen hat. Leonce und Lena verlieben sich - ohne zu wissen, wer sie sind. Sie kehren, als Automaten verkleidet, im entscheidenden Moment zurück, um vor dem erleichterten König von Popo und dem versammelten Bauernvolk als symbolisches Abbild der vermeintlich abwesenden Leonce und Lena getraut zu werden.

Nebel und düstere Schwarz-Weiß-Bilder

Fantasy-Märchen, Realsatire, Volkstheater, Klamauk, Sozialkritik, Politfarce: Die Regie hat sich für Georg Büchners "Leonce und Lena" einiges einfallen lassen. Ein Inferno, eine fast apokalyptische Rockshow mit kreischender Gitarre zeigen die Themen auf, mit denen sich Büchner auseinandersetzt. Liebe, Tod, Langeweile, Todessehnsucht und Regierungsüberdrüssigkeit - kurz das ganze Leben ist hier zusammengefasst. Stefan Rogge (Regie), Malte Lübbe (Ausstattung) und Andreas Debatin (Musiker und Schauspieler) wollen mit ihrer Inszenierung vor allem eins: den Zuschauer überraschen, und Langeweile kommt bei ihnen auch nicht auf, denn bei dem ohrenbetäubenden rasanten Stilmix ist man immer auch als Zuschauer gefordert.

Nebel, düstere Schwarz-Weiß-Bilder, Lärm oder wieder absolute Stille. Musikalisch ist das Ganze mehr als beachtlich, ein düsteres Musical mit grotesken Figuren, wie beispielsweise dem König Peter vom Reiche Popo (Karlheinz Schmitt). Sein Auftritt wird zur Politposse. Schmitt schleppt sich als Jesus mit Dornenkrone zum Podest, überprüft seine Muskeln und schwingt sich dann mit viel theatralischer Eleganz auf die Bühne, wo er von seinen Dienern gekrönt und angekleidet wird. Prinzessinnenkleid, SS-Uniform-Jacke oder Bankeroutfit? Egal - des Kaisers neue Kleider sind schließlich gepudert und ausgestopft, ein sehr eitler und geckiger Barock-Look.

Der politischen Geschäfte und der Langeweile überdrüssig gibt Martin Schultz-Coulon seinen ziemlich abgetörnten Leonce als unglücklichen Müßiggänger, Intellektuellen und Rebellen, im Look ganz Johnny Depp, in seiner Düsternis wunderschön anzuschauen: Doch auch er ist einer der den Gehorsam verweigert, um am Ende auf Systemwiederholung zu drücken. Grenzen überschreitet das Liebespaar Leonce und Lena (Silvia Pfändner mit toller Singstimme). Allerdings immer nur kurzzeitig, denn die Gitarre von Andreas Debatin holt beide wieder in die Wirklichkeit zurück.

Freund Valerio (glänzend: Raffaele Bonazza) fungiert als sympathischer Aufpasser, ein wenig zwischen Clown und tiefsinnigem Wegbegleiter. Schon etwas lädiert (wie eine Rinnsteinprinzessin) wirkt das romantisch-traurige Naturkind Lena. Leichenblass, im Brautkleid, wird sie von einer grotesk überzeichneten Gouvernante (Hildegard Meier) betreut, die auch in Sachen Flucht die Zügel in die Hand nimmt. Papptauben über dem Kopf, mit Vogelgezwitscher wird so gen Italien gezogen.

Dort trifft sich dann das Liebespaar, das einander nicht wollte, idyllisch von Papp-Gemälden umrahmt, in einem Land, das Leonce immer schon besuchen wollte, um zu sehen, "wie die das machen, als Demokratie mit einer faschistischen Regierung". Das Stück bleibt immer nahe an Büchners wortgewaltigem Ursprungstext, nur manchmal finden sich wie flüchtig eingewebte Dialoge aus der Jetzt-Zeit, die das Publikum zum Lachen reizen, wie etwa die auf dem roten Minibett eingeklemmte, qualmende und ein Buch mit dem Titel "Angry Women" lesende Gouvernante.

Trotz aller Fluchtversuche, finden sich zur Freude des brutalen Hofmeisters (Gunnar Kolb) alle und auch das Publikum darf mitspielen und gebührend feiern. Ein Stück, das abwechslungsreich und auch musikalisch sehr die Sinne anspricht. Einigen Zuschauern wurde die schrille Inszenierung aber recht schnell zu bunt, sie verließen vorzeitig die Vorstellung.

Alexandra Lutzenberger, Augsburger Allgemeine, 25. April 2009


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