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Premiere
28. November 2008

Georg Büchner

Leonce und Lena

Ein Lustspiel


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25. April 2009
Augsburger Allgemeine

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2. Dezember 2008
Reutlinger Nachrichten

1. Dezember 2008
Reutlinger Generalanzeiger

1. Dezember 2008
Schwäbisches Tagblatt


Ein Gothic-Märchen
Fantasy-Märchen, Gitarreninferno, Satire, Commedia dell'Arte, Leichenschmaus, Jahrmarkt, Volkstheater, Klamauk, Sozialkritik, Politfarce: Die LTT-Regie lässt es in "Leonce und Lena" ordentlich krachen.

Am Eingang werden "sicherheitshalber" Ohrstöpsel verteilt, und kurz darauf findet man sich in einer apokalyptischen Rockshow wieder - mit kreischenden Gitarren, die vom Jüngsten Tag künden, oder zumindest aber vom Ende des RocknRoll. Aber schließlich geht es in "Leonce und Lena" auch um alles: Liebe, Tod, Ewigkeit, Melancholie, Langeweile und die verschiedensten Mittel, diese zu vertreiben - Kunst, Wissenschaft, Poesie, Philosophie oder lustige Diskursanalyse.

Auch Stefan Rogge (Regie), Malte Lübbe (Ausstattung) und Andreas Debatin (Musiker und Schauspieler) setzen als eingespieltes Regietrio üppig viele Mittel gegen Theater-Langeweile ein.

Sie begegnen der Mehrdimensionalität von Büchners wildpoetischer Zitat- und Anspielungscollage mit einem unbändigen Stil- und Stimmungsmix, viel Nebel und düsteren Schwarz-Weiß-Bildern. Dabei beweisen sie Mut zur absoluten Stille und zum ohrenbetäubenden Lärm.

Die Figuren könnten mit ihren plakativ schwarzen Augenrändern und fahlen Gesichtern glatt eine Gothic-Rockband gründen, was sie am Ende auch tun. Als vielschichtige Textwesen erheben sie aber ihre Widersprüchlichkeit zur Kunst: Vor allem Martin Schultz-Coulon zeigt seinen ziemlich abgetörnten Leonce als getriebenen Müßiggänger, verzweifelten Scherzkeks, empfindsamen Intellektuellen und adligen Rebellen: ein Machtverweigerer, der am Ende auf "Systemwiederherstellung" drückt, was er aber durch permanente Wiederholung ("morgen fangen wir von vorne an") wieder ad absurdum führt.

In ihm vereinigen sich hier Weltschmerz und Langeweile, Wut und Melancholie, Morbidität und Lebenslust, Macht und Anarchie, Aktivismus und die Kunst des sinnlosen Zeitvertreibs, Todessehnsucht und schließlich sogar romantische Liebe - auch wenn sein Herz nur kurz entflammt, was seinen Ton ein wenig luftiger geraten lässt. Allerdings: Wenn Leonce seine Grenzen überschreitet, schreit sofort die Gitarre von Zeremonienmeister Andreas Debatin Zeter und Mordio. Leonce ist aber auch wie Valerio (Raffaele Bonazza) eine wandelnde Zitatsammlung mit fast zwanghaftem Hang zum Wortspiel, wenn auch ein wenig tiefsinniger als Valerio, der den Harlekin und Gutelauneminister macht.

Mit dem Auftritt König Peters gerät das Stück zur Politposse. Karlheinz Schmitt holt mal wieder alles aus seiner Figur raus: Als Jesus mit Dornenkrone schleppt er sich zum Podest, checkt seinen Bizeps und schwingt sich dann - "Hepp" - mit der Eleganz einer Ballerina auf die Bühne, wo er von seinen Lakaien gekrönt und angekleidet wird - Königinnenkleid, Hitler-Jacke oder Bankerdress? Der König ist tot, es lebe der König. Schmitt entscheidet sich schließlich für den eitlen, zynischen, gepuderten Barock-Gecken.

Das romantische Naturkind Lena (Silvia Pfändner) wiederum wirkt in ihrem Leichenbrautkleid auch schon etwas ramponiert, auch wenn über ihr und ihrer sarkastischen Gouvernante (Hildegard Meier) die Papphühner zwitschern, wenn sie gen Italien hoppeln. In Italien, das durch Idyll-Gemälde angezeigt wird, will Leonce übrigens schauen, "wie die das machen, als Demokratie mit einer faschistischen Regierung".

Neben Gunnar Kolb, der den Hofmeister als brutalen Hanselmann gibt, darf auch das Publikum als tumbes Jubelrudel mitspielen: Als Leonce und Lena nämlich in Form von "Automaten" zurück an den Hof kehren. Sie glauben, dem Schicksal ein Schnippchen geschlagen zu haben und spielen ihm dann doch unwissend in die Hände: zwei mit Plastikplanen verkleidete Rollstuhlfahrer, die sich als Prinzenpaar erkennen und gebremst begeistert Hochzeit samt Krönung feiern.

Am Ende stellt sich dann die alte Frage: Was tun? Also alles zurück auf Anfang. Das Ensemble bereitet dem Ganzen ein rockiges Ende mit einer äußerst dirty "Spirit"-Version von Bauhaus: "The stage becomes a ship in flames." In der Tat.

Kathrin Kipp, Reutlinger Nachrichten, 2. Dezember 2008


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