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Premiere
7. Oktober 2005

John Osborne

Der Entertainer

Aus dem Englischen von Helmar Harald Fischer


Übersicht

21. Februar 2006
Haller Tagblatt

10. Oktober 2005
Reutlinger General-Anzeiger

10. Oktober 2005
Schwäbisches Tagblatt

10. Oktober 2005
Schwarzwälder Bote Oberndorf


Selten so gelacht
Udo Rau gibt in Christian Schlüters Inszenierung einen gnadenlosen "Entertainer"

Archie Rice ist von Berufs wegen ein Witzereißer, der platteste Scherze und unflätige Zoten in den Lichtkegel zerrt, um sie gleich wieder in der stickigen Varieté-Luft zu zerreißen. [...]
Christian Schlüters Inszenierung des Osborneschen "Entertainers" versucht zunächst einmal nichts Dummes. Sie treibt die grausam kaltschnäuzigen Verrichtungen des Entertainers Rice noch stärker in Richtung Gefrierpunkt. Udo Rau gibt diese smarte Stimmungskanone wie einen Hinrichtungshumoristen: Zynisch und zielstrebig exekutiert er Gag um Gag, Jux um Jux. Hart, aber herzlos rechnet und spult er ab, ohne Rücksicht auf Verluste, auf sich sowieso verbietende Lustgewinne oder auf sonstige Kollateralschäden im zunehmend konsternierten Publikum. Doch dann stockt auch mal der wild gewordene Komiker, lauscht nach innen, erstarrt und erstirbt: da war doch noch was?
Archie Rice stammt aus der Willy-Loman-Generation. Ein Gescheiterter, der den wechselnden Moden und Zeiten kaum mehr gewachsen ist. [...]
Osbornes Figuren wüten gegen sich selbst und gegen andere wie gegen ein auferlegtes Unrecht oder Schicksal. Schonungslos, chancenlos.
Der "Entertainer" tritt dabei die Zeitreise vom gerade vergehenden britischen Empire, dem die Suezkrise noch durchschimmert, in die Gegenwart an, um in Tony Blairs New-Labour-Land zu stranden. Auch dort schlagen sich schon wieder englische Soldaten mit Arabern.
Und auch das LTT versteht das Stück als keineswegs von gestern, sondern als beklemmend aktuell. [...]
Die insgesamt 13 Szenen des "Entertainers" zeigt jedesmal ein pausbäckiger Pausenclown (Gunnar Kolb) als Nummernboy an, der ansonsten als trostloser Lachsack-Adlatus des Meisters Flachsinn mit gellendem Gelächter beglaubigt und in die Wiederholungsschleifen schickt. Das Stück springt munter hin und her zwischen Archies lästiger Pflichterfüllung als Stimmungskiller und seinem Familienleben, wo der Haussegen immer mehr in Schieflage gerät. Glücklicherweise hat das LTT nicht etwa Sahls betuliche Ur-Übertragung, sondern die sehr viel quickere Übersetzung von Helmar Harald Fischer zur Grundlage der Spielfassung genommen: Gerade die Wortwechsel, die im Publikum die Köpfe wie bei einem Tennismatch hin- und herfliegen lassen, machen die Tübinger Aufführung schnell genug und letztlich dann auch sehenswert. [...]
Es gibt nicht allzuviel zu lachen im Tübinger "Entertainer". Und doch sei er hiermit weiter empfohlen.

Schwäbisches Tagblatt, 10. Oktober 2005


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