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Premiere
7. Oktober 2005

John Osborne

Der Entertainer

Aus dem Englischen von Helmar Harald Fischer

Regie: Christian Schlüter
Bühne & Kostüme: Jürgen Höth / Dramaturgie: Anna Haas
Mit: Wenzel Banneyer, Katja Bramm, Hubert Harzer, Gunnar Kolb, Hildegard Maier, Udo Rau
Dauer: 110 min.


John Osborne hatte 1956 mit seinem legendären Überraschungserfolg BLICK ZURÜCK IM ZORN eine Generation ins Herz getroffen. Auch sein Nachfolgestück [s]Der Entertainer[/s] (1957) erwies sich sowohl in der realistischen Darstellung der Familie Rice als auch in seiner lockeren dramatischen Konstruktion als wegweisend für die nachfolgenden englische Dramatikergenerationen.

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Richtig geschafft hat es Archie Rice nicht und er wird es nie richtig schaffen. Als klassischer Standup-Comedian in der Tradition englischer Music Halls gehört er einer Welt an, die vergangen ist - er selbst ist eines der letzten Exemplare einer aussterbenden Spezies. Schon Vater Billy war als Entertainer einer der größten seiner Zunft und hatte mit mehr oder weniger guten Scherzen die Säle gefüllt. Und auch Sohn Frank tritt in die Fußstapfen der Vorväter und sitzt in einer drittklassigen Bar am Klavier. Den Kriegsdienst hat er verweigert. Ganz im Gegenteil zu seinem Bruder Mick. Der kämpft fürs Vaterland.

Während zu Hause das Show-Business verteidigt wird, verteidigt er das alte Europa gegen die arabische Welt am Suez-Kanal.
Archis Frau Phoebe sitzt am liebsten im Kino. Egal in welchem Film.
Als Archies Tochter Jean überraschend zu Besuch kommt, entwickelt sich ein spontanes Familientreffen. Die Wiedersehensfreude wird mit reichlich Gin und Bier begossen, doch Zynismus, Enttäuschung, wechselseitige Verletzungen und die Bitternis über ein Leben voll unerfüllter Hoffnungen und unerreichter Ziele lassen nicht lange auf sich warten. Und dennoch liegt in dieser Künstlerfamilie Lebensfreude, Talent, Gefühl und ein Hauch von Glamour.

Erzählt wird die Familiengeschichte aus den 50er Jahren als Nummernrevue, als Show, die von Archies Darbietungen des Entertainements alter Schule durchbrochen wird. Diese Dramaturgie verleiht dem bitterzarten, psychologisch starken Stück Leichtigkeit und Ironie. Archies Showeinlagen mögen schlecht, seine Witze peinlich sein. Doch im Scheitern liegt Humor und in der Komik die Kehrseite des Tragischen.

Am Ende steht ein Angebot, das man eigentlich nicht ablehnen kann. Mit einem Schlag wäre Archie Rice schuldenfrei, hätte einen lukrativen Job und glorreiche Aussichten auf ein neues Leben. Er lehnt ab und hält fest an dem, was er zu können glaubt. Er bleibt Künstler. Ein Entertainer, dem eines bleiben wird: der würdevolle Abgang von der Bühne. Die Geschichte eines Künstlers, der nicht bereit ist, auf die Veränderungen des Marktes zu reagieren, sich selbst treu bleibt und für diese Sturheit einen hohen Preis bezahlt, taugt als Spiegel für heutige Prozesse in unserer Gesellschaft, der die revolutionäre Luft ausgegangen ist und der die sinnstiftenden Ideen fehlen. Osbornes Stück über den Verfall einer Familie und einer Unterhaltungskultur wird zum Sinnbild für den Zerfall europäisch-abendländischer Werte, auch wenn diese ihm Krieg gegen die Araber noch verteidigt werden. Doch auch darin liegt wenig Sinn. Sohn Mick kehrt im Zinksarg heim. Wie sich die Bilder nach 50 Jahren gleichen.


© Landestheater Tübingen