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Premiere
3. März 2007

Friedrich Hölderlin

Der Tod des Empedokles

Fragmente eines Trauerspiels

Ein Projekt


5. März 2007
Reutlinger General-Anzeiger


Farb-Happening auf dem Vulkan
Landestheater Württemberg-Hohenzollern wagt sich an Friedrich Hölderlins „Tod des Empedokles“

Es sieht aus wie in einem Uni-Seminarsaal: Tisch steht an Tisch in ödem Resopal-Weiß, ein Overhead-Projektor und dahinter eine Riesenleinwand. Die Schauspiel-"Studenten" haben ihr erstes Hölderlin-Seminar. Sie nähern sich einem sprachlich ausgefeilten, aber gleichzeitig sehr sperrigen Text an, dem "Tod des Empedokles".
Eine Hölderlin-Handschrift erscheint auf der Leinwand, die Studenten schreiben in riesigen Lettern Hauptbegriffe des Textes auf, wie Revolution, Kunst, Natur. Und das Publikum in der LTT-Werkstatt beäugt das Ganze von nach oben ansteigenden Rängen aus, die beiderseits der Spielfläche angeordnet sind und für Hörsaal-Atmosphäre sorgen.
Im Mittelpunkt der Hölderlin-Tragödie steht der antike Philosoph, Politiker, Dichter, Arzt und Sühnepriester Empedokles. Er ist ein Liebling des Volkes und der Götter. Er genießt höchstes Ansehen. Doch irgendwann steigt ihm diese Bewunderung zu Kopf. Er sieht sich auf einer Stufe mit den Göttern, was dem Volk bitter aufstößt. Man wirft ihm Übermut, Anmaßung (Hybris) vor. Empedokles wird verbannt. Der Legende nach steigt er auf den Ätna und stürzt sich in den Krater. Damit glaubt Empedokles eins mit der Natur zu werden und eine Einheit zwischen Göttern und Menschen zu schaffen.
Friedrich Hölderlin hat daraus eine Tragödie gemacht, die eigentlich als unspielbar gilt. Das Vers-Drama ist textlich derart überfrachtet, dass es sich fast gegen jegliche Bühnen-Handlung stellt. Dennoch hat sich Regisseur Christian Schlüter an die Hölderlin-Tragödie herangewagt und dabei erfreulicherweise keinen Schiffbruch erlitten. Es ist ein kurzweiliger, wie ebenso emotional explosiver Abend, an dem die erste Publikumsreihe im Überschwang der Schauspiel-Gefühle auch mal einige Farbspritzer abbekommt.
Schlüter hat den Abend zweigeteilt. Er hat die ersten beiden Empedokles-Fassungen miteinander vermischt und einige Gedichte, Briefe und Hyperion-Ausschnitte dazugestellt. Zu diesem Hölderlin-Patchwork gehört auch die Empedokles-Rede fürs Volk, in der er sich zum Gott erhebt. Im zweiten Teil spielt dann die dritte Empedokles-Fassung die Hauptrolle.
Sie unterscheidet sich von den ersten beiden dadurch, dass sie gleich auf dem Ätna beginnt und der Opfertod von Empedokles nicht mehr zur Debatte steht, sondern praktisch vorausgesetzt wird. Die Revolution des Volkes ist in den Hintergrund gerückt. Viele Philologen sehen dies als Hölderlins Reaktion auf das endgültige Scheitern der revolutionären Bewegung in Schwaben im Jahr 1799.

Gemeinsame Waschung
Die ausgezeichnet aufgelegte LTT-Truppe (Katja Bramm, Danny Exnar, Dorothee Föllmer, Gunnar Kolb, Johannes Schön) kämpft sich mit viel Verve und teils atemberaubender Geschwindigkeit durch die Texte. Dies gipfelt in einem Happening, bei dem die Schauspieler nicht nur die Riesenleinwand von oben bis unten mit Farbe bespritzen, sondern sich selbst gleich mit. Es folgt die gemeinsame Waschung und der abschließende Diskurs von Panthea und Deli.
Der schwere Hölderlin-Text wird immer wieder durch banale Zwischenbemerkungen der Schauspieler, wie "Wer bist denn du jetzt?", gebrochen. Dadurch verhindert die gelungene Inszenierung, dass der Zuschauer in den Tiefen der Hölderlin-Zeilen versinkt und sich so auf Distanz besser mit dem Text auseinandersetzen kann. Die Premiere erhielt zurecht viel Beifall.

Reutlinger General-Anzeiger, 5. März 2007


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