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Premiere
23. Februar 2007

Händl Klaus

Dunkel lockende Welt


Übersicht

1. März 2007
Esslinger Zeitung

28. Februar 2007
Stuttgarter Nachrichten

26. Februar 2007
Reutlinger General-Anzeiger

26. Februar 2007
Reutlinger Nachrichten

26. Februar 2007
Schwäbisches Tagblatt


Im Netz der Lügen
„Dunkel lockende Welt“ am Landestheater Tübingen

Zwischen Hitze und Kälteschocks lässt der Dramatiker Händl Klaus seine Figuren im Stück "Dunkel lockende Welt" treiben. Die Menschen, die er in einer Zweiraumwohnung nebeneinander her leben lässt, peitscht der Tiroler von scheinbar belanglosen Alltagssituationen an den Rand der Existenz. Und er holt sie mit einer direkten Sprache wieder in ihr normales, überschaubares Leben zurück. In diesen dynamischen Kurven liegt der große Reiz des Stücks, das Simone Sterr, die Intendantin des Landestheaters Tübingen, auf der kleinen Spielfläche des LTT inszeniert hat. Der Spielraum der Experimentierbühne ist eindeutig zu klein für Klaus'starken Psychokrimi, der in der Fassung der Kammerspiele München vergangenes Jahr auch zum Theatertreffen eingeladen war.

Figuren wie Insekten
Durch den engen Spielraum verliert Sterrs Regiearbeit einiges an Wirkung. Und das liegt nicht an Gitti Scherers optisch verschachteltem Bühnenraum. Auf die kaltweiße Tapete sind Wohnungsgrundrisse gezeichnet. Es sind Symbole für das normale Leben unzähliger Mieter. Durch eine Glasscheibe ist ein Raum abgetrennt, der später zum Gewächshaus wird. Wie in einem Terrarium bewegen sich die Figuren.
Wie ein Biologe, der Insekten mit der Lupe beobachtet, durchdringt auch der 38-jährige Dramatiker in dem Stück seine Figuren. Den schwer zu spielenden Text, der von beträchtlichen Temperaturschwankungen lebt, erfassen die Schauspieler brillant.
Udo Rau lässt seinen schrulligen Vermieter Joachim Hufschmied nie zu stark ins Klischee des Psychopathen verrutschen. Mit krankhafter Pedanterie will er aus seiner jungen Mieterin Wahrheiten herauskitzeln.
Die junge Kieferchirurgin Corinna Schneider zieht aus und übergibt die Wohnung. Der Kampf um einen "besenreinen Zustand" ist für den reichen Hausbesitzer ein Spiel, das er lustvoll ausschöpft. Auf Knien rutscht Daniela Keckeis über den Boden. Mit einem schmutzigen Lappen wischt sie Blutflecke weg, die anfangs noch zu sehen sind. Schließlich findet Hufschmied einen kleinen Zeh auf dem Boden. Und ihr Partner, der angeblich schon in Peru sein soll, ist verschwunden.
Den Kriminalfall löst Händl Klaus im Text nie ganz auf. Und das tut auch das LTT-Ensemble nicht. Als Katja Gaudard in der Rolle von Corinnas temperamentvoller Mutter zu Hufschmied reist, um ihm den Zeh zu entlocken, finden die beiden zwischen Mülltüten und Erinnerungsstücken die unerwartete Wahrheit.

"Möchte ein Eidechslein sein"
Die Gratwanderung zwischen komischen Anflügen und Skurrilität ist in dem Stück nicht ganz einfach. Vor allem Katja Gaudard beherrscht diese Balance. Wirr redet sie auf ihre Tochter ein und kauderwelscht Binsenweisheiten über die Photosynthese, als diese endlich mit der Wahrheit ans Licht will.
Für die "Dunkel lockende Welt" findet Daniela Keckeis starke Körper-Bilder. Händl Klaus hat den Titel von Tanja Blixens Roman "Out of Africa" entlehnt, der in einer deutschen Übersetzung so heißt. Dieses Buch schenkt der Vermieter der jungen Frau, die nach Peru auswandern will. In weißen Schlaufen, wie man sie in der Psychiatrie benutzt, um Patienten zu fixieren, dreht und windet sich die junge Frau. Bei Keckeis hat das fast schon etwas von Akrobatik. Sie verstrickt sich immer tiefer im Netz der Lügen.
"Ich möchte ein finnisches Eidechslein sein", sagt die junge Frau, die bald auf der südlichen Halbkugel leben soll. Das Bild ist symbolkräftig: Eidechsen erstarren bei Kälte mehrere Monate lang und ihr Herz hört auf zu schlagen. Diese Tiefendimension kitzelt das LTT-Ensemble klar aus dem Text heraus.

Esslinger Zeitung, 1. März 2007


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