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Premiere
13. Oktober 2006

Johann Wolfgang von Goethe

Iphigenie auf Tauris


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Und meine Seele gewöhnt sich nicht hierher
Alexander Nerlich inszeniert den Goethe-Klassiker "Iphigenie auf Tauris" als dichtes Sprechtheater

[...] Iphigenie ist bei Anne Schäfer eine ernste, nachdenkliche junge Frau, die über ihrer weißen Priesterinnenkluft oft eine Reisejacke trägt - im dauerschwelenden Zwiespalt zwischen Aufbruch und Ende. Diese Iphigenie ist eine Vertriebene, schwer traumatisiert durch die albtraumhaften Gewaltexzesse ihrer Vorfahren, der Atriden, die bis dato weder vor Gattenmord noch vor Kannibalismus zurückscheuen. Tauris sollte ihr eine Zuflucht sein, um sie vor dem Opfertod zu retten.
Dennoch: "Und meine Seele gewöhnt sich nicht hierher", monologisiert Anne Schäfers klare, unprätentiöse Iphigenie leise und sitzt dabei auf einem kleinen, abgewetzten, inselartigen Rasengeviert inmitten besagter trister Mauern.
Es sind Sätze, die schon so ähnlich bei Euripides standen, und sie nimmt dabei einen Schluck aus einer Alu-Dose - Regisseur Alexander Nerlich schlägt in derlei kleinen Details stets den Bogen von der Antike über die Goethe-Klassik in die Gegenwart. Wobei er den hohen Ton der Goethe-Sprache etwas herunterzoomt, kleiner, bescheidener klingen lässt - Nerlichs LTT-"lphigenie" siedelt sich, so gesehen, nicht im Zeitalter der beschönigenden Edel-Gut-Hilfreich-Periode an. Eher in einem riesigen Zeitspagat - sowohl im Gewaltchaos der antiken Mythen wie auch in der mindestens genauso disparaten Moderne.
Keine aktualisierenden Allerwelts-Requisiten, keine Notebooks, keine Krawatten: Das kommt gut, weil es die Vieldeutigkeit der Konflikte belässt. Wir sehen ablenkungsfreies, sinnierendes, konzentriertes, sprachorientiertes Schauspielertheater - und in diesem zeitlosen Regiedesign hat Nerlichs "Iphigenie auf Tauris" denn auch die stärksten Momente. Noch etwas: Nerlich lässt keine hehren, aber papiernen Konflikte erzählen, sondern grundiert sie stets mit zutiefst menschlicher Psychologie - Liebe, Eifersucht, Zuneigung, Missgunst. Das hat den Vorteil, dass die verhandelten Gegenstände etwas realistischer wirken, birgt aber auch einen Nachteil. Das Begehren und Verweigern, das sich zwischen dem Inselherrscher Thoas und der Exilantin Iphigenie abspielt, wirkt manchmal ähnlich dimensioniert wie ein Love-Affair-Zoff in einer Studenten-WG.
[...] Alexander Nerlichs Inszenierung horcht aufs Wort, auf die Sprache, klebt die komplexen Konflikte nicht mit vereinfachenden Bildern zu. Goethes Schauspiel kommt am LTT aber auch nie auf dem Kothurn eines humanistischen Versöhnungsdramas daher - stattdessen knapp, verdichtet, mit viel Freiraum zum Nachlauschen. Nerlich erzählt vieles - von der Berührung zweier Kulturen, von Konflikten der Seele, von traumatischen Schatten der Vergangenheit.
Und von einer Liebe, die viel mit gegenseitigem Respekt zu tun hat. Stark: der Schluss der LTT- Inszenierung. Alles ist gesagt, Thoas lässt Iphigenie ziehen, weniger aus edler Großherzigkeit, als vielmehr aus Mangel an Alternativen; der Taurerfürst bleibt allein - bis Iphigenie noch einmal zurückstürmt, und nun in Thoas' Arme. Nicht im Sinne eines platten Happy Ends. Sondern eher als Andeutung einer unmöglichen Möglichkeit.

Reutlinger Nachrichten, 19. Oktober 2006


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