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Premiere
13. Oktober 2006

Johann Wolfgang von Goethe

Iphigenie auf Tauris


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Ohne Heimat sein, heißt leiden
Landestheater Tübingen: Goethes: "Iphigenie auf Tauris"

Solche Rollen liegen ihr: Frauen, die aus der Heimat verstoßen, innerlich zerrissen in der Fremde stranden und hier um ihre Identität kämpfen. In ihrem ersten Tübinger Jahr zu Beginn der letzten Spielzeit fiel AnneSchäfer erstmals auf als marokkanische Migrantin in "Versuchung", einem Kammerspiel des Katalanen Carles Batlle. Mit genau getimtem Hin und Her zwischen kindlicher Albernheit und Hysterie zeichnete sie die Verlorenheit einer vor der Zwangsheirat Geflohenen.
Jetzt schlüpft die junge Schauspielerin wieder in die Haut einer Entwurzelten. Doch in der Iphigenie neben der hehren Kämpferin für die Utopie bedingungsloser Humanität noch andere Facetten zu entdecken, erfordert weitaus größere darstellerische Vielseitigkeit. Anne Schäfer beweist sie bravourös. Ihr gelingen Verlorenheit wie auch die Kraft zur Selbstbehauptung einer jungen Frau, die höhere Gewalt im Reich des Barbarenkönigs Thoas ausgesetzt hat, aber dort nie ankommen ließ. Gleichermaßen zerbrechlich und energiegeladen ist die zur Priesterin Verdammte: eine Realistin, die sich mit dem Alltag in der Heimatlosigkeit arrangiert hat. Die ihren Durst mit Büchsengetränken löscht und Knabbergebäck aus der Frischhaltetüte nascht.
Wohltuend unspektakulär hat Regisseur Alexander Nerlich mit seinem präzise agierenden Ensemble das Geschehen ins Heute verlegt. Der Platz vor dem unsichtbaren Dianatempel ist eine kahle Fläche mit leerem Wasserbecken, ausgelegt mit grünen Kunstgraslplatten (Bühne: Gisela Goerttler). In dieser Ödnis entwickeln Goethes Verse eine erstauplich suggestive Kraft.
Vor allem, wenn Regisseur Nerlich seinen Blick auf den Konflikt zwischen Iphigenie und Thoas fokussiert. Den spielt als Gast der junge Atef Vogel. Er demonstriert geballte Männlichkeit mit Muskelshirt und üppiger Tätowierung: ein Naturbursche, den die Staatsräson in die Nadelstreifenhose zwingt (Kostüme: Silvana Ciafardini). Wie Iphigenie ist er innerlich zerrissen zwischen Pflicht und dem Anspruch auf persönliches Glück. Wie sie ist er ein vom Schmerz Verletzter, der sich hinter der Brutalo-Maske zu schützen sucht und Iphigenie mit hartem Zugriff zu seiner Frau machen will.
Kein Wunder, dass es zwischen den Vereinsamten heftig knistert. Wie sie mit verkappter Zärtlichkeit und lautstarker Härte umeinander kämpfen, gehört zu den Höhepunkten der gelungenen Aufführung.

Stuttgarter Nachrichten, 16. Oktober 2006


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