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Deutsche Erstaufführung
3. Oktober 2006

Simon Stephens

Am Strand der weiten Welt

Deutsch von Barbara Christ


Übersicht

7. Dezember 2006
Schwarzwälder Bote

7. Dezember 2006
Südkurier

7. Dezember 2006
Südwest-Presse

13. Oktober 2006
Stuttgarter Nachrichten

11. Oktober 2006
Esslinger Zeitung

11. Oktober 2006
Stuttgarter Zeitung

5. Oktober 2006
Reutlinger General-Anzeiger

5. Oktober 2006
Reutlinger Nachrichten

5. Oktober 2006
Schwäbisches Tagblatt


Intensives Spiel
Logbuch des (Zusammen-)Lebens / Viel Applaus

Es scheint ein Perpetuum Mobile zu sein: Menschen lieben sich, heiraten, bekommen Kinder, leben sich auseinander, wollen sich trennen. Jeder sieht bei den Generationen vor ihm, wie schwierig, oft leidvoll das Zusammenleben ist - und doch entscheidet sich jeder wieder für den Versuch eines Ehe- und Familienlebens. Jedenfalls in Simon Stephens' Stück "Am Strand der weiten Welt", das im Theater am Ring aufgeführt wurde.
Die Holmes sind eine äußerlich ganz "normale" Familie aus einem ziemlich öden Vorort von Manchester. Der Unfalltod des jüngeren Sohnes von Peter und Alice lässt offenbar werden, was alles hinter der Fassade brodelt: Die Ehe der Großeltern ist geprägt von der Alkoholsucht des Seniors und der immer stärker werdenden Sehnsucht nach Flucht und Veränderung seiner Frau; die Eltern haben über die Jahre den Kontakt zueinander weitgehend verloren; der ältere Sohn Alex hat sich verliebt in die junge Sarah und möchte mit ihr ausbrechen aus der kleinstädtischen Enge und in London sein Glück versuchen. Nur Christopher mit seinen 15 Jahren ist direkt und provozierend offen und vermag immer wieder, die langsam gewachsene Sprachlosigkeit seiner Familie aufzubrechen - er aber stirbt und hinterlässt eine unersetzliche Lücke. Und doch ist es gerade dieser Verlust, der zu einer Art "happy ending" führt: Zu einer Bewusstwerdung, die den vom Schicksal und von sich selbst gebeutelten Menschen wieder eine Möglichkeit zur Annäherung öffnet, sie sogar wieder zueinander bringt - und eben am Ende Alex und Sarah allen Erfahrungen zum Trotz - hoffnungsvoll von einer gemeinsamen Zukunft träumen lässt.
Der junge britische Autor hat die Entwicklung der Familienbeziehungen in kurze, prägnante Szenen verpackt, die das Tübinger Landestheater unter der Regie von Enrico Lübbe beeindruckend auf die Bühne gebracht hat. Alle Akteure sind immer präsent, auch wenn sie nicht direkt am Geschehen beteiligt sind; sie treten zurück in den Hintergrund, wo auch ihre Kleidung bereit hängt, Ausstattung für ein halbes Leben. Sie beobachten als stille Teilhaber, was sich abspielt, lösen ihre Mitspieler ab, formieren sich zu neuen Dialogkonstellationen. Daraus entsteht ein ruhiges und zugleich sehr spannendes Spiel, zunächst wie ein Puzzle, aus dem sich allmählich das Bild der Familienbeziehungen und seelischen Zustände ergibt, dann als eine Art Logbuch des (Zusammen-)Lebens und seiner Veränderungen.
Die Inszenierung zeichnet sich dabei besonders aus durch eine ungemein überzeugende Besetzung und ein ebenso intensives Spiel aller Darsteller: Der im Suff verwahrloste und gewalttätige, in klarem Zustand dagegen liebevolle und liebebedürftige Großvater (Gotthard Sinn) und seine durch den Kummer und die Enttäuschungen des Lebens hart gewordene Frau (Hildegard Maier); der handfeste, von seiner Arbeit begeisterte Peter (Marius Marx), zugleich daran leidend, dass er nichts zu Wege bringt. Trost und Verständnis findet er bei der in ihrer Einsamkeit seelenverwandten Susan (Ina Fritsche) - und erkennt darüber, dass er seine Frau Alice (Ulrike Euen) noch immer liebt. Alice kapselt sich mit ihren unerfüllten Hoffnungen und in der Trauer um ihren Sohn immer mehr ab - bis sie in John (Leif Stawski) einen Zuhörer und Freund findet, der sie wieder aus ihrer Isolation zu reißen vermag. Besonders erfrischend wirkten Johannes Lehmann als eher braver, ein wenig verklemmter Sohn Alex auf dem Weg zum Erwachsenwerden, mit seiner höchst unbefangen selbstbewussten Sarah (Daniela Keckeis) und seinem lebhaft unverblümten Bruder Christopher (Johannes Schön). Nach dessen Tod vermisst ihn der Zuschauer - auch, weil dem Stück danach ein Element von Frische und Tempo abgeht. Es dehnt sich stattdessen ein wenig, zumal etwa mit der Lebensgeschichte des Urgroßvaters noch einmal weiter ausgeholt wird. Auch bleiben die Erfahrungen und Entwicklungen von Alex und Sarah eher diffus, obwohl sie relativ viel Raum einnehmen. Zunehmend fokusiert Simon Stephens den Blick auf Peter und Alice und ihren Weg zu einem neuen Anfang. So gibt es am Ende zwei liebevoll vereinte Paare, ironisch verbrämt vom Schimmer einer Partykugel, wie in einem Märchen, von dem doch jeder spürt, dass es wohl kaum Wirklichkeit werden kann. Aber die Hoffnung, die Träume und Sehnsüchte, die werden bleiben.
Viel Applaus für beeindruckendes und hervorragend dargebotenes Theater [...].

Südwest-Presse, 7. Dezember 2006


© Landestheater Tübingen