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Premiere
7. April 2006

Erich Kästner

Fabian

Die Geschichte eines Moralisten

Regie: Simone Sterr
Ausstattung: Olga von Wahl / Dramaturgie: Anna Haas
Mit: Wenzel Banneyer, Katja Bramm, Katja Gaudard, Daniela Keckeis, Gunnar Kolb, Johannes Lehmann, Hildegard Maier, Marius Marx, Karlheinz Schmitt, Gotthard Sinn
Dauer: 150 min.


Der Name Erich Kästner ist vor allem mit den entzückendsten Kinderbüchern seit der Erfindung des Buchdruckes fest verknüpft. Doch auch für die 'Großen' hat der im Nationalsozialismus verbotene Autor geschrieben: Gedichtbände, Drehbücher, Essays und - 1931 - den Großstadtroman [s]Fabian[/s].

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Berlin, Beginn der 30er Jahre. Die Arbeitsämter sind voll, viele Geldbeutel leer, und das Nachtleben tobt ebenso heftig wie der Straßenkampf extremistischer Bewegungen.
Unzählige politische Gruppierungen diskutieren sich die Köpfe heiß, wie sozial, wie gerecht, wie frei eine marktwirtschafliche Gesellschaft zukünftig aussehen könnte. Noch ist die Kunst unabhängig, die Kultur reichhaltig, auch wenn sich die Repressionen, die da kommen werden, schon andeuten. Es wackelt im System, die Koordinaten der Moralität wanken, und so groß die Notwendigkeit zur Gestaltung auch sein mag, so groß ist auch die Lähmung in dieser Gesellschaft im Umbruch, dessen Ziel keiner kennt.

Mittendrin, zwischen grauem Asphalt und den bunten Verlockungen einschlägiger Etablissements bewegt sich der junge Journalist Jakob Fabian durch die tanzende Menge auf dem Vulkan. Eine Figur, in der sich die ganze Zerrissenheit der Epoche zu spiegeln scheint. Als Werbetexter verdient er sein Geld, wird arbeitslos, schlägt sich so durch, verliebt sich in ein Mädchen und wird verlassen. Denn Bedingung ihrer Filmkarriere ist das Zusammenleben mit dem Produzenten; die Liebe hat der Aufstiegschance zu weichen.
Am Ende kehrt Fabian aus den Schluchten der Großstadt heim in die kleinstädtische Beschaulichkeit, aus der er gekommen ist. Einen Job bei der weit nach rechts gerückten Lokalzeitung lehnt er ab. Als Lebensretter eines Lebensmüden stirbt er in den Fluten des heimischen Flusses. Ein hochbegabter Mensch, der mit festen Grundsätzen durch eine unruhige Zeit wankte, der eines aber leider nicht konnte: schwimmen.

Glitzernd und elend, aufregend und gefährlich zugleich ist die Welt, die Erich Kästner mit satirischem Witz, bitterem Humor und mit großer Liebe und Zärtlichkeit beschreibt. Mit FABIAN hat er einen der packendsten, vielschichtigsten, erhellendsten Romane geschrieben, die es aus dieser Epoche gibt. Er verschafft uns eine präzise Ahnung davon, wie der Boden beschaffen war, auf den die völkermordende Ideologie des Nationalsozialismus so grausam fruchtbringend fallen konnte.

Heute, in einer emotional porösen Gesellschaft des Umbruches, die nach Veränderungen ruft und Besitzstandswahrung betreibt, die in der globalisierten Welt nach Wegen sucht, um im Kultur- und Wirtschaftsraum Europa als sozialer Staat leistungsfähig zu bleiben, ähneln sich die Kämpfe, Konflikte und Diskussionen.


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