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David Edgar

The Prisoner's Dilemma

Aus dem Englischen von Lida Winiewicz


Übersicht

6. April 2006
Esslinger Zeitung

28. März 2006
Reutlinger General-Anzeiger

27. März 2006
Reutlinger Nachrichten

26. März 2006
Stuttgarter Nachrichten


Bestie Mensch

Mit einem politischen Planspiel kommt der englische Autor David Edgar dem gesellschaftlichen Umbruch nach dem Ende des Kalten Krieges auf die Spur. "The Prisoner's Dilemma" (deutsch: Gefangenendrama) heißt sein Stück. Was geht in den Menschen vor, die nach dem Niedergang ihres Systems die ideologische Richtung verloren haben? "Die größte Puppe war früher die Sowjetunion. Jetzt ist die große Puppe offen, und manchmal habe ich Angst, dass alle kleinen Puppen explodieren." Mit dem Gleichnis bringt Nikolai Shubkin, Professor und Afghanistan-Kämpfer aus der fiktiven Republik Karkasien, das Zeitgefühl auf den Punkt. Er und sein Volk fühlen sich wie Einzelfiguren der Matruschka, denen der Halt fehlt. Der Schauspieler Udo Rau porträtiert den Machtpolitiker in der Inszenierung des Landestheaters Tübingen (LTT) im Neubau des Landratsamtes nicht als bösen Abtrünnigen. Er nimmt ihn als Menschen an. Klug verwischt er die im Text angelegte Tendenzen zur Schwarzweiß-Malerei, indem er seinen späteren Killer sympathisch zeigt. Seine Mitspieler taucht er in ein Wechselbad der Gefühle. Das ist nur ein Baustein von Clemens Bechtels ungewöhnlichem Regiekonzept. Auf der Baustelle lädt er das Publikum zum Denkspiel ein.

Die dramaturgische Grundlage von Edgars Stück bildet die Spieltheorie, mit der seit den Fünfzigerjahren die Friedens- und Konfliktforschung Lösungsmöglichkeiten für Krisen auslotet. Es geht darum, herauszufinden, wie der Gegner denkt. Um dem Publikum diese Mechanismen nahe zu bringen, lädt eine Moderatorin im Plenarsaal zunächst zu einem Spiel ein. Gehen wir italienisch oder thailändisch essen? Mit verdeckten Karten muss jeder herausfinden, wie sein Gegner entscheiden würde. Bechtels Mitspieltheater ist mehr als postdramatische Koketterie: Der Entscheidungswettstreit legt politische Mechanismen offen.

Danach nehmen die Schauspieler das Publikum auf eine Reise durch krisen- und kriegsgeschüttelte Länder mit. In vielen Räumen der Behörde lässt Ausstatter Till Kuhnert die Handlung spielen. Die Tiefgarage wird zur Gefängniszelle. Im Fraktionsraum baut er ein karkasisches Wohnzimmer auf. Kuhnerts verwüstete Schlachtfelder zeigen: In der Republik Karkasien und der Provinz Drosdanien prallen Kulturen aufeinander. Anschläge, gesprengte Brücken und Massaker prägen die gemeinsame Geschichte. An einer amerikanischen Universität ist diese bittere Realität für Elite-Studenten zunächst nur Spielmaterial. In naiven Träumen verrennt sich der Ire James Neil. Urs Rechn stellt die Blauäugigkeit seiner Figur überzeugend aus. Als kritische Beobachterin hinterfragt Ulrike Euen im Part der finnischen Dozentin Gina Olson die Vorstellungen der Seminarteilnehmer. Mit hilflosen Blicken und Gesten zeigt die Schauspielerin immer wieder, dass sie nichts ausrichten kann. Das bleibt auch so, wenn sie als Sonderbeauftragte ihrer Regierung den blutigen Konflikt schlichten soll. Matt hängt ihr Körper über dem Geländer der Plenarsaal-Galerie, als die Verhandlungen am Ende in einen einseitigen Kompromiss münden.

[...] Annabelle Leip als drosdanische Verhandlungsführerin und unterdrückte Frau wächst über sich hinaus wie Leif Stawski, der mit der Schnapsflasche die Sinnlosigkeit des Verhandlungsmarathons offenbart. An eigene Grenzen stößt Ina Fritsche, als sie auf dem Schlachtfeld entscheiden soll, wer in der Geiselhaft sterben muss.

Der Umgang der Schauspielerin mit der Extremsituation geht unter die Haut. Bitter und kühl legt Anne Schäfer als Pressefotografin ihre inneren Kämpfe offen. Koala-Bären möchte sie fotografieren, aber da lauert auf internationalem Parkett schon die nächste Sensation. Wie eine Süchtige besteigt sie den Flieger. Als Diplomat mutiert der brillante Zyniker Patterson von Johannes Schön zum Taktierer. Ein hintergründiger, aber kalter Denker ist Hubert Harzer als amerikanischer Professor. Geblendet vom Machtkalkül lässt er sich in den Friedensverhandlungen vom Tennis spielenden Karkasien-Präsidenten über den Tisch ziehen.

Clemens Bechtels dreistündige Regiearbeit hat nicht zuletzt wegen dieses starken Ensembles keinen Leerlauf. Was in der streng getakteten Inszenierung verhandelt wird, sind politisch relevante Gedanken. Der 1948 geborene Engländer David Edgar erfasst den Zeitgeist, aber er begnügt sich nicht damit. Ihn interessieren die Motivationen der kämpfenden Menschen.

Esslinger Zeitung, 6. April 2006


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