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Premiere
23. September 2005

Tom Lanoye

Mamma Medea

nach Apollonios von Rhodos und Euripides

Aus dem Niederländischen von Rainer Kersten

Regie: Simone Sterr
Bühne: Andreas Rank / Kostüme: Lisa Klammer / Dramaturgie: Inge Zeppenfeld
Mit: Ulrike Euen, Katja Gaudard, Annabelle Leip, Matze Pröllochs, Urs Rechn, Johannes Schön, Gotthard Sinn, Leif Stawski, Milan Stürmer
Dauer: 160 min.


Tom Lanoye ist inzwischen über die Grenzen Belgiens hinaus bekannt als Autor verschiedener Genres, als Performer, Übersetzer und Kolumnist. Internationales Aufsehen erregte er durch seine Bearbeitung der Shakespearschen Königsdramen, die in Deutschland unter dem Titel SCHLACHTEN in einer 11-stündigen Aufführung zur Theatersensation des Jahres 2000 avancierte. [s]Mamma Medea[/s] wurde 2001 in Antwerpen uraufgeführt.

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Als sie ihn sieht, ist es um sie geschehen. Liebe auf den ersten Blick, ein überwältigendes, fast beängstigendes Gefühl, noch nie da gewesen, eine amour fou! Die junge Königstochter Medea hat sich ausgerechnet in den fremden schönen feindlichen Helden Jason verliebt. Er ist mit seinen Argonauten aus der sich zivilisiert nennenden Welt Griechenlands ins raue Kolchis gekommen, um von den 'Barbaren' die Auslieferung des legendären Goldenen Vlieses zu fordern. Aietes, Medeas Vater, denkt jedoch mitnichten daran, den überheblichen Invasoren das Heiligtum zu überlassen. Er fordert Jason zu übermenschlichen Kraftproben heraus. Medea weiß, dass Jason keine Chance hat ohne ihre Kenntnis der uralten kolchischen Magien und Zaubermittel. Ihre Hilfe würde Verrat an ihren eigenen Leuten bedeuten. Medea hadert, aber kein Zweifel kommt ihrem Gefühl für diesen Mann bei. Sie entscheidet sich für Jason, der mit seinem Sieg den Zorn Aietes' auf sich zieht und nun Medea die gemeinsame Flucht auf der Argo und die spätere Heirat anbietet. Für dieses Versprechen lässt Medea alles hinter sich und nimmt unterwegs auch noch den grausamen Mord an ihrem Bruder in Kauf.

Schnitt.

Jahre sind vergangen. Nichts von dem, was Medea sich für die Zukunft erträumt hatte, ist in Erfüllung gegangen. Die Einheimischen beäugen sie, die Migrantin, mit misstrauischem Blick. Ihre und Jasons Liebe ist zu einer abgeschlafften, zänkischen Ehe verkommen, zu unterschiedlich ist ihr Wesen, zu gegensätzlich ihre Weltsicht. Jason ist ihrer überdrüssig geworden, klagt nun zivilisiertes Denken und vernünftige Einsicht ein. Was er darunter versteht, lässt Medea zerbrechen: sie soll tunlichst akzeptieren, dass er sie verlassen wird, um eine Jüngere zu heiraten, eine, die den Königsthron als Mitgift gleich im Gepäck hat. Die Kinder wird er mitnehmen. Auf Medea wartet, als sie gegen Jasons Wunsch rebelliert, die offizielle Abschiebung. Nach Hause zurück kann sie nicht mehr. So übermächtig Medeas Liebe für Jason einst war, so rasend ist nun, angesichts der nicht endenden Demütigungen, ihr flammender Zorn, und sie lebt ihn aus bis zur letzten Konsequenz...

"Eine Mutter tötet aus Rache ihre Kinder" - unvorstellbar und plötzlich doch leibhaftig nachfühlbar ist dieses Extrem in [a]Tom Lanoye[/a]s Neudichtung des antiken Stoffes, die 2002 für den "gouden Uil"-Preis (Goldene Eule), Belgiens angesehnsten Literaturpreis, nominiert wurde. Ausgehend von der ARGONAUTICA von Apollonius von Rhodos und der MEDEA von Euripides vitalisiert Lanoye in der für ihn typischen Sprachmischung aus antikem Versmaß und salopp-modernem Umgangston die Geschichte von der Zerstörung der kulturellen Identität eines Menschen und macht so den "Mythos Medea" zum außergewöhnlichen und vor allen Dingen jetzigen Theatererlebnis, mit dem wir, die neue Crew, das Tübinger Publikum begrüßen möchten.


© Landestheater Tübingen